Früher waren Unplanbarkeit und ich alles andere als gute Freunde. Die Ambiguität eines Moments hat mich zerrissen, weil ich nicht wusste, wohin die Reise geht. Und weil ich dadurch auch nicht wirklich im Hier und Jetzt ankommen konnte.
Statt Genuss war da oft nur: innere Unruhe. Dieses ständige Gefühl, noch schnell alles festhalten zu müssen, bevor es mir entgleitet. Es hat an mir gezehrt.
Als meine Diagnosen kamen, musste etwas anders werden
So richtig gesehen habe ich die Notwendigkeit erst, als ich meine Diagnosen bekommen habe. Plötzlich war klar: Wenn ich so weiterlebe wie vorher, wird mein Alltag nicht leichter – nur lauter.
Ich habe damals begonnen, Gelassenheit nicht mehr als „nice to have“ zu betrachten, sondern als etwas, das mich trägt. Etwas, das nicht immer da ist – aber das ich üben kann.
Meine Schreib-Coachin hat einmal gesagt, Gelassenheit sei meine Superpower. Und vielleicht ist sie das gerade wirklich. Nicht als Haltung, die immer perfekt gelingt. Sondern als Fähigkeit, zu der ich zurückfinden kann.
Ich glaube, dass sie mir hilft, ein ausgewogeneres Leben mit weniger Schüben zu führen – nicht, weil ich damit irgendetwas „wegmache“, sondern weil unnötiger Stress meinen Körper deutlich schneller aus dem Gleichgewicht bringt. Gelassenheit ist für mich deshalb nicht esoterisch. Sie ist praktisch.
Herausforderungen sehen heute anders aus
Definiere ich Herausforderungen heute anders als früher? Ja, ich glaube schon.
Was früher nach „Problem“ geschmeckt hat, ist heute oft einfach… Leben. Ich bin besser darin geworden, Dinge auf mich zukommen zu lassen. Ambivalenz macht mir weniger aus. Nicht zu wissen, wo wir in einem Jahr leben werden, jagt mir keine Angst mehr ein.
Nicht, weil ich plötzlich mutiger geworden bin. Sondern weil ich verstanden habe: Mehr als diesen Moment habe ich ohnehin nicht. Und ich habe beschlossen, ihn nicht ständig zu verpassen, nur weil mein Kopf schon bei übermorgen ist.
Unplanbarkeit: früher Alarm, heute Einladung
Früher hat mich Unplanbarkeit wie ein offenes Ende geängstigt. Heute sehe ich sie eher als Einladung:
- langsamer werden.
- enger bei mir bleiben.
- kleiner planen.
Nicht, weil ich aufgegeben habe – sondern weil ich gemerkt habe: Mein Leben wird nicht stabiler, wenn ich mehr kontrolliere. Es wird stabiler, wenn ich mir selbst vertrauen kann.
Ich finde einen nächsten Schritt.
Und wenn ich ihn heute nicht finde, finde ich ihn morgen.
Veränderungen passieren – innen und außen
Veränderung gehört zum Leben wie das Atmen. Und wenn es nicht die eigene Veränderung ist, dann ist es eine Veränderung im Außen.
Gerade die äußeren Veränderungen führen oft dazu, dass wir uns machtlos fühlen. Ausgeliefert. So war es auch bei mir, als ich meine Diagnosen bekam. Dieses „Jetzt ist es passiert, und ich kann nichts daran ändern.“
Relativ schnell habe ich mich entschieden, nicht dauerhaft im Opfergefühl wohnen zu bleiben. Nicht, weil das Gefühl falsch war – sondern weil ich gemerkt habe, dass ich sonst innerlich stehen bleibe.
Ich wollte mitgestalten. Im Rahmen dessen, was möglich ist.
Was mir hilft, wenn das Leben unplanbar wird
Natürlich gibt es noch immer Unplanbares mit diesen Krankheiten. Aber mir hilft es, Notfallpläne zu haben. Nicht als Kontrollinstrument – eher als inneres Geländer.
Zu wissen:
- Was kann ich tun, wenn X passiert?
- Wen kann ich anrufen?
- Was brauche ich dann?
Und ja: Ich kann auch planen. Ich plane Reisen anders. Ich gestalte Dinge machbarer. Ich lege Puffer ein. Ich denke in Etappen statt in ganzen Tagen.
Alles, was darüber hinausgeht – also das wirklich Unplanbare – versuche ich zu nehmen, wie es kommt. Wenn ich es nicht ändern kann, gibt es keinen Grund, mich zusätzlich unter Druck zu setzen.
Manchmal gibt es eine kurzfristige Lösung. Manchmal arbeite ich länger an einer. Gelöst bekommen haben wir bisher vieles. Nicht immer so, wie ich es mir früher vorgestellt hätte – aber so, wie es in diesem Moment möglich war.
Und ich erinnere mich immer wieder daran: Es ist nie etwas in Stein gemeißelt. Was gestern eine gute Lösung war, passt heute vielleicht nicht mehr. Und dann darf es sich verändern.
Das ist ja das Schöne: Man kann ausprobieren. Und immer wieder neu wählen.
Ein kleines Beispiel: Kindergeburtstage ohne Durchpowern
Früher konnte ich Kindergeburtstage kaum ohne Stress planen. Ich wollte alles schön machen, meinen Kindern eine besondere Erfahrung schenken – und natürlich auch, dass sich jeder Gast wohl und aufgehoben fühlt.
Ich war oft schon im Vorfeld so angespannt, dass ich kaum damit umgehen konnte, wenn etwas schiefging. Oder wenn ich etwas nicht geschafft habe, das ich mir vorgenommen hatte.
Heute organisiere ich Feiern noch immer. Aber anders.
Meine Kinder haben oft gar nicht diese riesigen Erwartungen, die ich früher an mich selbst hatte. Und ich muss nicht alles allein machen. Abendessen kann aus dem Ofen kommen. Oder man bestellt. Und wenn etwas nicht perfekt ist – dann ist es eben so.
Manchmal spüre ich noch Trauer darüber, dass es nicht mehr ist wie früher. Ich kann nicht mehr so durchpowern. Und gleichzeitig bin ich dankbar, dass ich gelernt habe, diesen unnötigen Stress rauszunehmen.
Unplanbarkeit ist kein Fehler – sie gehört dazu
Unplanbarkeit ist kein Fehler im System – sie ist das System.
Sie zeigt mir, wo ich mich noch an Kontrolle klammere.
Und wo ich weicher werden darf.
Sie erinnert mich daran: Sicherheit entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch innere Handlungsfähigkeit.
In diesem Sinne ist Unplanbarkeit für mich auch eine Quelle von Information. Fast wie ein Kompass: Wo hänge ich mich gerade noch an etwas auf, das ich vielleicht loslassen darf?
Gelassenheit ist dabei nicht immer da – und genau das kennen viele. Ich bin nicht jeden Tag gelassen. Aber ich erkenne schneller, wenn ich es nicht bin. Und ich habe Wege zurück.
Manchmal trauere ich meinem alten Plan-Ich hinterher. Und genau dann übe ich Freundschaft mit dem Unklaren.
Unplanbarkeit ist geblieben. Aber sie wohnt nicht mehr in meinem Nervensystem wie ein Alarm – eher wie ein Wetterbericht: okay. Dann nehme ich heute einen anderen Weg.
Meine Gelassenheits-Skills (ganz praktisch)
Was ist in meiner Kontrolle?
- wie ich meine Tagesstruktur baue
- wann ich Pausen mache
- wie ich meine Bedürfnisse kommuniziere
- wie freundlich (oder hart) ich innerlich mit mir spreche
Was ist beeinflussbar?
- ich kann mir Unterstützung organisieren
- ich kann Termine verschieben, die mir zu viel werden
- ich kann meine Erwartungen anpassen
- ich kann Dinge vereinfachen (weniger Programmpunkte, mehr Puffer)
Was ist nicht kontrollierbar?
- meine Symptome und wie viel Energie ich an einem Tag habe
- die Erwartungen anderer Menschen an mich
- äußere Umstände (Krankheit, Termine anderer, Systeme, Alltag)
- dass sich Pläne manchmal verändern, obwohl ich „alles richtig gemacht“ habe
- dass ein guter Tag nicht planbar ist – aber ein guter Umgang damit möglich
Ein leises Ende
Ich glaube, das ist es, was sich für mich am meisten verändert hat: Unplanbarkeit fühlt sich nicht mehr wie ein Gegner an, den ich besiegen muss. Eher wie etwas, das zum Leben dazugehört — und das mich immer wieder zu mir zurückruft.
Manche Tage kann ich das gut annehmen. An anderen Tagen nicht. Und auch das darf sein. Freundschaft ist ja nicht nur das, was leicht fällt. Manchmal ist sie schlicht das Wiederkommen: ein Atemzug, ein kleiner Schritt, ein bisschen weniger Druck.
Vielleicht ist Unplanbarkeit deshalb eine gute Freundin geworden, weil sie mich nicht zwingt, größer zu werden, schneller, härter. Sondern weil sie mich erinnert, näher zu werden. Bei mir.
Und wenn ich heute noch nicht weiß, wie es weitergeht, dann weiß ich zumindest das: Ich muss den ganzen Weg nicht sehen. Es reicht, wenn ich den nächsten Meter finde.
Dass ich Unplanbarkeit heute anders erleben kann, hat viel mit meinem veränderten Verhältnis zu meinem Körper und meiner Energie zu tun. Wenn du darüber weiterlesen möchtest, findest du unter Krankheit & Energie weitere Gedanken und Erfahrungen aus meinem Alltag mit chronischer Krankheit.
Wenn du magst, begleite ich dich auch zwischen den Texten.




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