Vielleicht ist das Liebe – Gedanken nach zehn Jahren Ehe

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Ich bin mit Disney-Filmen groß geworden, mit großen Gefühlen, mit der einen großen Liebe und mit Menschen, die einander finden und dann – zumindest gefühlt – für immer glücklich sind. Ich glaube, ich habe ziemlich lange eine Vorstellung von Liebe mit mir herumgetragen, die mit dem echten Leben nur bedingt etwas zu tun hatte. Dabei war ich selbst nicht einmal besonders gut darin, Liebe zuzulassen. Eigentlich habe ich mich mein ganzes Leben danach gesehnt, wirklich geliebt zu werden, und gleichzeitig war ich erstaunlich gut darin, die Beine in die Hand zu nehmen, sobald mir jemand zu nahe kam. Wenn mich jemand wirklich mochte, wurde es schwierig. Manchmal verstehe ich mich selbst rückblickend auch nicht.

Als ich mit Anfang 30 in meine heutige Beziehung ging, hatte ich nicht besonders viel Erfahrung mit Liebe. Dafür hatte ich ziemlich viele Vorstellungen davon, wie sie sich anfühlen sollte. Heute, zehn Jahre Ehe später, denke ich über Liebe anders. Ich glaube noch immer, dass Anziehung passiert. Aber Liebe? Liebe wählen wir.

Liebe sieht heute viel unspektakulärer aus

Wenn ich darüber nachdenke, wo mir Liebe in meinem Alltag begegnet, denke ich interessanterweise zuerst an meine Kinder. An ihre Umarmungen, ihre Worte und an die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Arme um mich legen. Vielleicht ist das auch gar nicht überraschend, denn diese Liebe nimmt gerade sehr viel Raum in meinem Leben ein. Sie ist laut, körperlich, unmittelbar. Sie braucht mich jeden Tag.

Und irgendwo dazwischen ist die Liebe zwischen zwei Erwachsenen manchmal leiser geworden. Vielleicht sogar zu leise. Ich glaube, ich war in den letzten Jahren oft zu unaufmerksam dafür, manchmal auch nicht besonders liebevoll. Nicht unbedingt, weil die Liebe weg war, sondern weil das Leben laut war: Kinder, Erschöpfung, Diagnosen, Termine, Konflikte, Alltag, Funktionieren. Vielleicht ist genau das eine der Dinge, die ich nach zehn Jahren langsam lerne: Liebe verschwindet nicht unbedingt, nur weil sie gerade nicht im Mittelpunkt steht. Manchmal verändert sie einfach ihre Form.

Vielleicht bringt Liebe eine Lieblingszeitung mit

Mein Mann bringt mir aus dem Supermarkt manchmal etwas mit, von dem er weiß, dass ich es gerne esse. Er geht extra in den Zeitungsladen, um meine Lieblingszeitschrift zu holen. Wenn er mir einen Health Tracker kaufen möchte, kauft er nicht einfach irgendeinen, sondern recherchiert, vergleicht und liest Tests, bis er überzeugt ist, dass es der beste für mich ist.

Am Wochenende sagt er manchmal, ich solle endlich duschen gehen, was mich regelmäßig nervt. Und dann sagt er hinterher: „Lass dir Zeit.“ Vielleicht ist genau das der wichtigere Teil. Dass er die Kinder übernimmt. Dass ich nicht schnell wiederkommen muss. Wenn mein Körper wieder schwächelt, drängt er mich dazu, mich auszuruhen. Und an manchen Wochenenden essen wir viel zu oft auswärts, weil er weiß, dass dadurch für mich eine Aufgabe wegfällt: kein Kochen, kein Planen, kein Küche-Aufräumen. Abends sitzt er manchmal mit mir auf dem Sofa und spielt einen Escape Room, etwas, das er alleine niemals machen würde.

Wenn ich diese Dinge so aufschreibe, wirken sie plötzlich ziemlich groß. Im Alltag übersehe ich sie trotzdem oft. Vielleicht, weil Liebe nach zehn Jahren nicht mehr immer wie Liebe aussieht. Vielleicht sieht sie manchmal aus wie eine Zeitschrift, wie ein Restaurantbesuch, wie zwei Stunden Ruhe oder wie jemand, der ein Spiel mitmacht, auf das er selbst überhaupt keine Lust hätte.

Ich möchte wieder aufmerksamer dafür werden. Nicht nur dafür, wie er mich liebt, sondern auch für die Frage: Was tue eigentlich ich, damit er sich geliebt fühlt?

Wir sind nicht mehr die Menschen, die damals geheiratet haben

Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Und wenn ich auf unsere Ehe zurückblicke, sehe ich nicht eine Beziehung, sondern viele Versionen davon. Die Beziehung vor den Kindern. Die Beziehung als junge Eltern. Die Beziehung unter Schlafmangel. Die Beziehung nach einer ADHS-Diagnose. Die Beziehung mit chronischer Krankheit. Die Beziehung in Umzügen und Veränderungen. Die Beziehung mitten in Krisen. Und die Beziehung, die langsam wieder versucht herauszufinden, wer diese beiden Menschen eigentlich geworden sind.

Unsere Kinder haben uns verändert. Seine ADHS-Diagnose hat uns verändert. Meine Krankheiten haben uns verändert. Unsere Krisen haben uns verändert. Wir haben uns weiterentwickelt, wir haben uns verloren und wir finden uns langsam wieder.

Es gibt Erfahrungen aus diesen zehn Jahren, die ich gern zurückgeben würde, Momente, auf die ich gut hätte verzichten können. Aber ich würde die Entwicklung, die daraus entstanden ist, nicht zurückgeben wollen. Denn all diese Erfahrungen gehören heute zu mir. Sie haben mich geprägt. Sie haben mich gezwungen hinzusehen – auf meine Beziehung, aber vor allem auf mich selbst.

So hatte ich mir Liebe nicht vorgestellt

Es gab in diesen zehn Jahren oft Situationen, in denen ich dachte: So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Überhaupt nicht. Ich bin sehr viel naiver in diese Ehe gegangen, als mir damals bewusst war, und wahrscheinlich habe ich in diesen zehn Jahren mehr über mich gelernt als in meinem ganzen Leben davor.

Das war nicht immer schön. Ich war traurig, wütend, habe mich einsam und unverstanden gefühlt. Manchmal habe ich wahrscheinlich auch selbst nicht besonders gut verstanden – weder mich noch den Menschen neben mir. Aber viele dieser schwierigen Phasen haben etwas in Bewegung gebracht, das lange vorher schon da war: alte Muster, Kindheitsprägungen, die Frage, warum ich Nähe suche und gleichzeitig vor ihr weglaufe, warum manche Situationen so viel in mir auslösen und warum Konflikte manchmal gar nicht nur mit dem Menschen zu tun haben, der gerade vor mir steht.

Die Auseinandersetzung mit meiner eigenen Geschichte war für mich einer der größten Befreiungsschläge der letzten Jahre. Nicht, weil dadurch plötzlich alles leicht geworden wäre, sondern weil ich begonnen habe zu verstehen: mich, meine Reaktionen, meine Ängste, meine Schutzmechanismen – und damit auch ein kleines bisschen besser, was eigentlich zwischen zwei Menschen passiert.

Auch die chronische Krankheit hat unsere Beziehung verändert und mir gezeigt, wie viel Kraft es kosten kann, sich innerhalb einer Partnerschaft immer wieder erklären zu müssen. Darüber habe ich bereits in „Unsichtbar krank in der Partnerschaft: Wenn Erklären so viel Kraft kostet“ geschrieben.

Liebe ist für mich heute auch Wiederannäherung

Vielleicht dachte ich früher, eine gute Beziehung sei eine Beziehung, in der man sich möglichst wenig voneinander entfernt. Heute glaube ich das nicht mehr. Menschen entfernen sich voneinander. Sie verändern sich, sind müde, verletzt, sagen Dinge, die sie besser nicht gesagt hätten, ziehen sich zurück und machen Fehler.

Vielleicht liegt Liebe weniger darin, all das zu verhindern. Vielleicht liegt sie manchmal einfach darin, wiederzukommen. Wieder ins Gespräch zu gehen, noch einmal zuzuhören, sich zu entschuldigen, zu vergeben und eine Lösung zu suchen. Nicht so zu tun, als wäre nichts passiert, sondern zu sagen: Wir versuchen es noch einmal.

Humor gehört für mich übrigens unbedingt dazu. Raum auch. Sicherheit. Und diese Wiederannäherung, immer und immer wieder.

Sich für uns entscheiden – ohne sich selbst zu verlieren

Ich glaube sehr daran, dass wir uns füreinander entscheiden. Nicht einmal, sondern immer wieder. Dass wir uns für Liebe entscheiden. Aber ich glaube heute genauso sehr daran, dass Liebe nicht bedeuten darf, sich selbst aufzugeben. Darüber habe ich auch schon in meinem Text „Ich möchte meinen Kindern nicht beibringen, dass Liebe Selbstaufgabe bedeutet“ geschrieben.

Denn neben uns darf es auch mich geben. Eine eigenständige Nina, die Zeit allein braucht und es genießt, allein zu sein. Die Dinge nur für sich macht. Die lernen möchte, sich selbst genauso ernst zu nehmen wie die Menschen, die sie liebt.

Vielleicht ist auch das ein Teil dessen, was sich in meinem Verständnis von Liebe verändert hat. Liebe ist für mich heute nicht mehr Verschmelzung. Sie bedeutet nicht: Wir sind eins und brauchen nichts außerhalb voneinander. Vielleicht bedeutet sie eher: Ich darf ich sein. Du darfst du sein. Und trotzdem entscheiden wir uns immer wieder für ein Wir.

Wir sind beide schon einmal in die Knie gegangen

Wir sind heute nicht mehr die Menschen, die vor zehn Jahren geheiratet haben. Zum Glück wahrscheinlich. Wir waren beide ein bisschen blauäugig, vielleicht auch ziemlich naiv. Das Leben hat uns in den letzten Jahren einiges beigebracht. Manches davon sanft, anderes überhaupt nicht.

Unsere Herausforderungen haben uns wachsen lassen und sie haben uns gleichzeitig in die Knie gezwungen. Für mich liegt heute etwas sehr Wesentliches darin, dass wir uns entschieden haben, gemeinsam wieder aufzustehen. Nicht, weil wir alles richtig gemacht hätten. Das haben wir nicht.

Wir sind Menschen. Wir werden Fehler machen. Wir werden uns gegenseitig verletzen, Situationen falsch einschätzen und manchmal zu sehr mit uns selbst beschäftigt sein, um den anderen wirklich zu sehen. Aber wir können uns entscheiden, was danach passiert. Ob wir auf unserem Recht beharren oder wieder neugierig aufeinander werden. Ob wir nur den Fehler sehen oder auch den Menschen. Ob wir voneinander weggehen oder irgendwann wieder aufeinander zu.

Vielleicht ist genau darin heute für mich sehr viel Liebe.

Liebe passiert nicht nur

Früher dachte ich, Liebe sei etwas, das einem widerfährt. Und vielleicht beginnt sie manchmal tatsächlich so: ein Blick, Anziehung, dieses Gefühl, jemanden unbedingt wiedersehen zu wollen, das Kribbeln, die Aufregung. Aber zehn Jahre später fühlt sich Liebe für mich nicht mehr wie etwas an, das einfach nur passiert.

Sie ist auch eine Entscheidung. Eine sehr alltägliche, manchmal sogar unspektakuläre. Die Entscheidung hinzusehen. Dankbar zu sein. Dem anderen etwas Gutes zu tun. Sich selbst nicht zu verlieren. Nach einem Streit wiederzukommen. Humor zu behalten. Raum zu geben. Vergebung zuzulassen.

Und sich auch nach all den Versionen, die man voneinander kennengelernt hat, noch einmal anzusehen und zu sagen: Dich. Noch immer dich.

Ich habe vor einiger Zeit schon einmal darüber geschrieben, dass wir uns für Liebe entscheiden, wenn es kompliziert wird. Vielleicht verstehe ich diesen Satz heute noch ein bisschen besser.

Liebe heißt für mich nicht, dass es nie kompliziert wird. Vielleicht heißt sie auch nicht, dass man sich jeden Tag gleich nah fühlt oder jeden Tag besonders liebevoll miteinander umgeht. Aber vielleicht heißt sie, immer wieder die Möglichkeit offen zu lassen, sich neu zu begegnen.

Ich möchte darin noch besser werden. Aufmerksamer. Dankbarer. Liebe nicht nur zu wissen, sondern sie auch zu leben.

Und vielleicht ist das nach zehn Jahren die wahrste Antwort, die ich gerade habe:

Ich entscheide mich jeden Tag wieder für die Liebe und für diesen Mann.


Wenn du magst, begleite ich dich auch zwischen den Texten.

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● ÜBER MICH

Hi, ich bin Nina –
Mama von zwei Jungs, mit einem Körper, der seine ganz eigenen Regeln hat,
und deine Begleiterin bei Die sanfte Rebellion.

Ich stehe selbst noch mitten im Prozess – auf meinem Weg zurück zu mir, zu mehr Echtheit, innerer Ruhe und einem Leben, was sich wieder stimmig anfühlt.
Dieser Blog ist mein Raum, um zu teilen, zu lernen und zu wachsen. Ein kleines Stück Rebellion gegen das reine Funktionieren, gegen das permanente „Müssen“ – und für ein Leben, das sich wieder echt anfühlen darf.

Hier findest du ehrliche Reflexionen, sanfte Inspiration und kleine, alltagstaugliche Schritte, die dich dabei begleiten, wieder bei dir selbst anzukommen. Ohne Perfektion – aber mit ganz viel Herz.

Vielleicht bist du hier, weil du dich nach einem Ort sehnst, an dem du nicht zuerst erklären musst, warum du müde bist.
Ein Ort, an dem du nicht „besser werden musst“, um willkommen zu sein.

Die sanfte Rebellion ist für mich kein lautes Dagegen, eher ein Zurück:
zurück in den Körper, zurück in ein Leben, das sich für dich wahr anfühlt.
Und es ist ein Mit:
mit dir – und allem, was dazu gehört -auf einer Reise zurück zu dir selbst.

Ich schreibe neben dir.
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