Grenzen setzen, wenn man gelernt hat, sich anzupassen

Wenn das Ja schneller ist als das eigene Gefühl

Kennst du das auch? Dass man viel zu oft Ja sagt, obwohl man lieber Nein sagen möchte? Ich sage nicht Ja, weil ich etwas auch wirklich tun will, sondern weil sich ein Nein früher nicht sicher angefühlt hat. Widerspruch war selten erwünscht und noch weniger eine eigene Meinung bei gewissen Themen. Ein bestimmtes Verhalten und entsprechende Leistungen wurden erwartet. Ich hatte selten die Chance, wirklich Nein zu sagen.

Ich habe gelernt, die familiäre Harmonie zu jeder Zeit zu sichern, und habe auch heute immer noch das Gefühl, dass ich die Launen aller Familienmitglieder meiner Geburtsfamilie mittragen muss. Dabei möchte ich gar nicht die Verantwortung für die Stimmung aller tragen. In diesem Zusammenhang habe ich auch gelernt, dass eigene Bedürfnisse wenig Platz haben und im Erwachsenenalter sogar Schuld auslösen können. Dabei bin ich jetzt erwachsen und darf meine eigenen Bedürfnisse an erste Stelle setzen, wenn ich das für richtig halte. Und dennoch fühle ich mich noch immer verantwortlich für die Gefühle meiner Geburtsfamilie.

Nähe zu meiner Familie war für mich lange an Anpassung gekoppelt. Was mir früher geholfen hat, Nähe und Sicherheit zu bewahren, steht mir heute manchmal im Weg. Ich weiß mittlerweile, wie wichtig es für mich ist, diese alten Gewohnheiten langsam abzulegen. Aber zu wissen, woher etwas kommt, bedeutet noch lange nicht, dass es sich plötzlich anders anfühlt.

Mein schnelles Ja begegnet mir längst nicht nur in meiner Geburtsfamilie. Ich erlebe es auch im Alltag mit meiner eigenen Familie. Noch eben schnell bei der einen Sache helfen. Ein Playdate zusagen, obwohl ich weiß, dass meine Batterien am Nachmittag schon fast auf dem Nullpunkt angekommen sind. Immer erreichbar sein. Immer funktionieren. Immer „an“ sein.

Das eine Problem ist also, dass ich zu wenig Nein sage. Gleichzeitig ist mein Ja oft viel schneller als mein eigenes Gefühl. Ich sage aus einem Reflex, fast automatisiert, Ja. Erst wenn dieses Ja ein wenig eingesunken ist, meldet sich mein Gefühl. Und manchmal ziemlich deutlich: Eigentlich möchte ich das gar nicht.

Ich gebe mir also oft gar nicht erst die Zeit, kurz innezuhalten und zu spüren, ob ich etwas wirklich tun möchte.

Vielleicht ist genau das ein Teil dessen, was ich gerade erst wieder lernen muss: Mein Ja ein bisschen langsamer werden zu lassen.

Wenn ein Nein sich verletzlich anfühlt

Schwierig wird es für mich aber nicht nur vor dem Nein. Eigentlich beginnt ein großer Teil der Unruhe schon lange vorher. Wenn ich weiß, dass ich etwas ablehnen möchte oder muss, gehe ich im Kopf mögliche Reaktionen meines Gegenübers durch. Ich versuche mich innerlich darauf vorzubereiten, was kommen könnte. Was wird die andere Person sagen? Wird sie enttäuscht sein? Verletzt? Wütend? Wird sie mich vielleicht anders sehen?

Nicht, dass mir dieses gedankliche Durchspielen im entscheidenden Moment besonders helfen würde. Aber es gibt mir vermutlich kurzfristig das Gefühl, mich irgendwie vorbereiten und damit ein Stück Unsicherheit kontrollieren zu können.

Ein Nein fühlt sich für mich in solchen Momenten erstaunlich verletzlich an. Fast so, als würde ich meinem Gegenüber damit unnötig viel Macht über mich geben. Denn plötzlich spielt seine Reaktion eine große Rolle dafür, wie sicher ich mich mit meiner eigenen Entscheidung fühle. Dabei weiß ich natürlich, dass es mein gutes Recht ist, Nein zu sagen. Dass ich eine Grenze setzen darf. Dass ich keine Zustimmung brauche, damit meine Grenze gültig ist.

Nur fühlen kann ich das noch nicht immer.

Ich würde mir manchmal wünschen, endlich diesen einen Schalter oder diese eine Erklärung zu finden, die das schlechte Gefühl einfach abstellt. Ich weiß inzwischen, dass vieles davon früher mit Selbstschutz zu tun hatte. Aber dieses Wissen nimmt mir meine Gefühle in den entscheidenden Momenten nicht ab.

Ich habe gelernt, dass Nähe sicher bleibt, solange niemand enttäuscht wird. Vielleicht fühlt sich ein Nein deshalb für mein Nervensystem nicht einfach nur wie eine Abgrenzung an, sondern manchmal immer noch wie eine mögliche Gefahr für Verbindung.

Wenn nach dem Nein die Unruhe beginnt

Und dann gibt es noch das Danach. Ich habe Nein gesagt. Eigentlich ist die Entscheidung gefallen. Und trotzdem beginnt danach oft erst die eigentliche Unruhe. War ich zu hart? Hätte ich es doch irgendwie möglich machen können? Ist die andere Person jetzt enttäuscht von mir? Habe ich sie verletzt?

Plötzlich fühlt sich die Grenze nicht wie etwas an, das mich schützt, sondern wie etwas, das ich wieder gutmachen muss.

Vielleicht erkläre ich mich auch deshalb häufig viel zu ausführlich. Eigentlich weiß ich, dass ein Nein bereits ein vollständiger Satz ist. Ich muss mich nicht rechtfertigen. Und dennoch passiert es mir immer wieder, dass ich mich in Erklärungen verrenne, als könnte ich mein Nein leichter machen, wenn ich nur ausführlich genug begründe, warum es gerade notwendig ist.

Dabei geht es mir nicht darum, dass mir die Gefühle anderer Menschen egal sein sollen. Ganz im Gegenteil. Ich möchte niemanden verletzen oder enttäuschen. Es macht mich traurig, wenn ich merke, dass ein Mensch, den ich liebe, wegen einer Entscheidung von mir enttäuscht ist.

Vielleicht liegt genau darin eine der schwierigsten Stellen für mich: anzuerkennen, dass beides gleichzeitig wahr sein kann. Dass mir ein Mensch wichtig ist und ich ihm trotzdem nicht jeden Wunsch erfüllen kann. Dass jemand enttäuscht sein darf und meine Grenze trotzdem richtig für mich sein kann.

Ich stelle auch in meinem Alltag immer wieder fest, dass mir Harmonie manchmal noch wichtiger ist als meine eigenen Bedürfnisse. Vor Konflikten scheue ich häufig zurück, auch aus Angst vor Ablehnung. Selbst wenn mein Kopf längst weiß, dass ich nicht für die Gefühle anderer Menschen verantwortlich bin, übernehme ich innerlich noch immer viel zu viel davon.

Grenzen sind vielleicht eher Türen als Mauern

Rund um das Thema Grenzen gibt es aus meiner Sicht ein Missverständnis. Das Wort selbst ist häufig mit etwas Negativem verbunden: mit Härte, Bestrafung oder Egoismus. Viele Menschen denken bei Grenzen vielleicht zuerst an Mauern. Ich habe aber langsam begonnen, sie anders zu sehen. Eher wie Türen mit Klinken.

Eine Tür kann offen sein. Sie kann sich schließen. Und sie kann später wieder geöffnet werden. Nicht, weil die Menschen auf der anderen Seite unwichtig wären, sondern weil auch der Raum dahinter geschützt werden darf.

Für mich bedeutet das inzwischen auch, mir selbst einen Raum zum Durchatmen zu erlauben. Wenn ich eine Tür für einen gewissen Zeitraum schließe, kann ich Energie sammeln. Ich kann kurz bei mir ankommen. Und vielleicht kann ich dadurch später wieder viel ehrlicher in Beziehung gehen, anstatt nur weiterzumachen, bis gar nichts mehr geht.

Auch meinen Kindern möchte ich nicht vermitteln, dass Grenzen etwas Kaltes oder Negatives sind. Ich wünsche mir, dass sie erleben dürfen, dass wir uns liebevoll um uns selbst kümmern können und dass dazu manchmal auch gehört, eine Grenze zu setzen. Selbst dann, wenn ein geliebter Mensch darüber enttäuscht ist.

Vielleicht liegt ein wichtiger Teil darin, wie wir miteinander darüber sprechen. Eine Grenze muss nicht bedeuten: Du bist mir nicht wichtig. Sie kann auch bedeuten: Ich nehme mich gerade ernst und möchte gleichzeitig respektvoll mit dir verbunden bleiben.

Ich schreibe das allerdings wohlwissend, dass mir genau das selbst noch schwerfällt. Ich sehe Grenzen mittlerweile nicht mehr nur als etwas Trennendes. Ich kann sie manchmal schon als liebevolle Türen betrachten, die mir einen Raum zum Durchatmen eröffnen. Aber dieses Wissen hat es noch nicht geschafft, mir das schlechte Gewissen vollständig abzunehmen.

Wenn mein Körper die Grenze zieht

Und bei mir kommt noch die chronische Krankheit mit ins Spiel. Krankheit ist brutal ehrlich. Sie zwingt mich dazu, Grenzen sichtbar zu machen, wenn mein Körper nicht mehr kann.

Energie ist endlich. Und damit meine ich nicht die Endlichkeit, die ich früher als solche gesehen habe – also dass man nach ein paar Monaten harter Arbeit eben einmal Urlaub braucht. Bei mir ist Energie jeden einzelnen Tag endlich. Nachmittags um 16 Uhr weiß ich manchmal nicht, wie ich den Rest des Tages noch schaffen soll. Oder mein Körper macht mir gleich ganz einen Strich durch die Rechnung und ich verbringe den Rest des Tages im Bett.

In solchen Momenten realisiere ich immer wieder, dass Funktionieren für mich schwere Konsequenzen haben kann. Dass ich es mir nicht erlauben kann, zu allem Ja zu sagen, nur weil ein Nein unangenehm sein könnte.

So hat mein Körper am Ende Grenzen für mich gezogen, die ich selbst lange nicht ziehen konnte. Grenzen, die ich vielleicht schon viel früher gebraucht hätte.

Gleichzeitig hat mir meine Krankheit an manchen Stellen auch etwas gegeben, das ich mir selbst früher kaum gegeben habe: eine Erlaubnis, genauer hinzuschauen. Mich zu fragen, wie viel gerade wirklich möglich ist. Was mein Körper braucht. Wo meine Energie endet. Und ob mein automatisches Ja überhaupt mit dem übereinstimmt, was ich tatsächlich leisten kann oder möchte.

Ich hätte mir früher vermutlich nicht selbstverständlich diesen Raum genommen. Heute zwingt mich mein Körper immer wieder dazu. Das macht es nicht automatisch leicht. Aber es macht die Grenze sichtbarer.

Vielleicht darf mein Ja langsamer werden

Ich beginne langsam zu verstehen, dass hinter vielen meiner Ja’s gar keine echte Entscheidung lag. Sondern eher der Wunsch nach Sicherheit. Nach Verbindung. Nach Harmonie.

Wie oft habe ich versucht, eine Situation im Vorfeld oder im Nachhinein zu durchdenken? Wie oft habe ich mich angepasst und gleichzeitig versucht, die Emotionen des ganzen Raums mitzutragen? Wie oft habe ich das mit Sicherheit gleichgesetzt und dadurch versucht, Unsicherheit zu kontrollieren?

Vielleicht geht es für mich deshalb gar nicht darum, plötzlich überall Nein zu sagen. Und vielleicht muss ich auch nicht sofort an den Punkt kommen, an dem mir jedes Nein leichtfällt und jede mögliche Enttäuschung an mir abprallt.

Vielleicht darf es erstmal darum gehen, einen kleinen Moment zwischen Frage und Antwort entstehen zu lassen. Einen Moment, in dem mein Gefühl überhaupt die Chance bekommt, sich zu melden, bevor der alte Reflex übernimmt.

Vielleicht sind Grenzen weniger ein Kampf gegen andere und mehr ein langsames Ernstnehmen der eigenen Wahrheit.

Vielleicht reicht es erstmal, mein Ja ein bisschen langsamer werden zu lassen.

Und vielleicht ist ein Nein manchmal einfach die ehrlichste Form von Selbstfürsorge.


Wenn du magst, begleite ich dich auch zwischen den Texten.

Kommentar verfassen

ÜBER MICH

Hi, ich bin Nina –
Mama von zwei Jungs, mit einem Körper, der seine ganz eigenen Regeln hat,
und deine Begleiterin bei Die sanfte Rebellion.

Ich stehe selbst noch mitten im Prozess – auf meinem Weg zurück zu mir, zu mehr Echtheit, innerer Ruhe und einem Leben, was sich wieder stimmig anfühlt.
Dieser Blog ist mein Raum, um zu teilen, zu lernen und zu wachsen. Ein kleines Stück Rebellion gegen das reine Funktionieren, gegen das permanente „Müssen“ – und für ein Leben, das sich wieder echt anfühlen darf.

Hier findest du ehrliche Reflexionen, sanfte Inspiration und kleine, alltagstaugliche Schritte, die dich dabei begleiten, wieder bei dir selbst anzukommen. Ohne Perfektion – aber mit ganz viel Herz.

Vielleicht bist du hier, weil du dich nach einem Ort sehnst, an dem du nicht zuerst erklären musst, warum du müde bist.
Ein Ort, an dem du nicht „besser werden musst“, um willkommen zu sein.

Die sanfte Rebellion ist für mich kein lautes Dagegen, eher ein Zurück:
zurück in den Körper, zurück in ein Leben, das sich für dich wahr anfühlt.
Und es ist ein Mit:
mit dir – und allem, was dazu gehört -auf einer Reise zurück zu dir selbst.

Ich schreibe neben dir.
Ohne schnelle Lösungen, ohne Druck. Eher wie eine leise Umarmung: da, wenn du sie brauchst.

Du darfst mitnehmen, was dich stärkt und den Rest hier lassen. Alles kann, nichts muss.

Wenn du wissen möchtest, warum ich diesen Blog ins Leben gerufen habe, schau dich gern hier um.
Und wenn du Gedanken teilen, Fragen stellen oder einfach Hallo sagen möchtest: Ich freue mich sehr über jede Nachricht und jeden Kontakt.


RÄUME

Die sanfte Rebellion besteht aus verschiedenen Räumen.

Jeder von ihnen öffnet einen eigenen Blick auf Themen wie Beziehung, Selbstverbundenheit, Orientierung und leise Veränderung.


Entdecke mehr von Die sanfte Rebellion

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen