Als mein Körper Grenzen bekam
Bevor ich meine Diagnosen bekommen habe, habe ich lange gedacht, dass mein Körper und das, was ich schaffen kann, keine Grenzen haben. Es ging immer nur darum, mehr zu wollen — und das dann auch umsetzen zu können.
Wenn ich heute darauf zurückblicke, kann ich wohlwollend sagen, dass das keine gesunde Lebenseinstellung war. Und gleichzeitig war sie ein Teil meiner Identität. Eine Identität, die ich mit meinen Diagnosen — oder vielleicht schon mit dem Beginn meiner starken Symptome — nach und nach verloren habe.
Ich glaube, dass chronische Krankheit für viele Menschen, die vorher ein volles Leben geführt haben, auch bedeutet, dass sie sich von einem Teil ihrer selbst verabschieden müssen, um trotzdem weiter ein erfülltes Leben führen zu können.
Dieser Abschied ist nicht nur praktisch. Er ist auch innerlich spürbar. Da ist Trauer. Manchmal Wut. Manchmal auch Orientierungslosigkeit. Weil man plötzlich nicht mehr die Person ist, für die man sich so lange gehalten hat.
Wenn Energie nicht mehr selbstverständlich ist
Wo es früher eher an Zeit als an Energie gefehlt hat, wenn ich nicht alles geschafft habe, ist es heute genau umgekehrt. Mir fehlt oft nicht die Zeit, sondern schlicht und ergreifend die Energie.
Das kann auf der einen Seite die körperliche Energie sein. Betten beziehen ist so eine Sache. Mein Mann hat eine schwere Zwei-Meter-Bettdecke. Selbst an guten Tagen fällt es mir schwer, diese Bettdecke zu beziehen. An schlechten Tagen brauche ich gar nicht erst daran zu denken.
Bettenbeziehen ist generell zu einem Thema geworden, das mich herausfordert. Ich muss es in Etappen machen. Und weil es sowieso etwas ist, das ich überhaupt nicht gerne mache, frustriert es mich extrem, wenn ich dafür auch noch einen ganzen Tag in Etappen brauche. Glücklicherweise habe ich einen lieben Ehemann, der mir dann hilft oder mir das Beziehen ganz abnimmt.
Auf der anderen Seite steht da auch die mentale Energie. Ganz oft habe ich mit Brain Fog zu tun, der vor allem dann auftritt, wenn ich nachts schlecht schlafen kann. An solchen Tagen bin ich für meine Verhältnisse unendlich langsam im Kopf. Manche gedanklichen Aufgaben, die früher selbstverständlich waren, werden dann auf einmal zu einer echten Herausforderung.
Die unsichtbaren Kosten des Alltags
Viele Dinge, die früher normal für mich waren, kosten mich heute viel mehr Energie.
Das ist zum Beispiel ein Nachmittag mit den Kindern, wenn sie aus Schule und Kindergarten kommen. Beide sind dann oft überreizt. Während der Große inzwischen weiß, was ihm dann guttut — er bastelt oder malt —, weiß mein Dreijähriger das noch nicht. Deshalb haben wir derzeit nachmittags fast immer mindestens einen Trotzanfall, und die sind momentan sehr laut.
Manchmal ist meine Energie dadurch schon fast aufgebraucht, bevor ich überhaupt ans Abendessen denken kann. Und wenn die Kinder dann endlich im Bett sind und ich theoretisch noch eine Stunde für mich hätte, bin ich dazu meist nicht mehr in der Lage. Dann sind meine Energiereserven einfach aufgebraucht, und ich gehe direkt mit ins Bett.
Auch Entscheidungen zu treffen, kann mir sehr viel Energie ziehen. Wo es möglich ist, versuche ich das zu vermeiden. Ich plane inzwischen jede Woche, was ich wann koche, damit ich diese Entscheidung am jeweiligen Tag nicht auch noch treffen muss.
Mit meinen Diagnosen sind außerdem neue Entscheidungen in mein Leben gekommen. Vieles hat mit Abwägen zu tun. Schaffe ich heute einen Spielplatzbesuch, ein Nachmittagsprogramm zu Hause und danach noch Essen zu kochen? Und wenn nicht: Wie kann ich meinen Kindern den Nachmittag trotzdem schön machen?
Wenn der Tag nicht mit vollen Akkus beginnt
Bei gesunden Menschen ist es oft so, dass in der Nacht beim Schlafen Regeneration einsetzt und die Akkus für den nächsten Tag wieder aufgeladen werden.
Bei chronisch kranken Menschen funktioniert genau dieser Prozess oft nicht mehr richtig. Ich werde morgens manchmal mit halb gefüllten oder sogar komplett leeren Akkus wach. Das fühlt sich manchmal an wie ein Körper, der nicht einmal genug Energie hat, um richtig eingeschaltet zu werden.
Deshalb musste ich notgedrungen lernen, meine Energie zu schützen, zu priorisieren und auch zu entscheiden, wem ich sie geben möchte.
Mit dieser Veränderung ist auch etwas Neues eingezogen: der Mut, Grenzen zu setzen. Grenzen, die heute notwendig sind, um mich und meine Ressourcen zu schützen. Wo ich früher fast immer Ja gesagt habe, halte ich heute erst einmal inne und überlege, ob es für mich wirklich passt.
Früher ist es mir unglaublich schwer gefallen, mich selbst zu priorisieren und überhaupt zu wissen, was ich brauche, damit es mir gut geht. Letzteres habe ich in den vergangenen Monaten schnell lernen müssen. Ich kann inzwischen besser einschätzen, was mein Körper gerade braucht.
Und trotzdem gelingt es mir nicht immer, diese Grenze auch wirklich zu setzen. Auch darin darf ich noch wachsen. Genauso wie in dem Vertrauen, dass ich mich nicht immer erklären muss. Dass ich meinem Gefühl viel mehr glauben darf, wenn es leise Stopp sagt.
Ich übe, meine Grenzen nicht mehr zu erklären, sondern zu achten.
Liebevolle Grenzen und Schuldgefühle
Mit diesen neuen Grenzen kommen aber auch Schuldgefühle. Gegenüber den Kindern, dem Partner, Freundinnen und Freunden.
So auch heute. Ich habe Therapie. Gleichzeitig gibt es eine Veranstaltung im Kindergarten meines Sohnes. Ich werde nicht dabei sein. Mein Mann geht mit ihm. Und während ich weiß, dass es wichtig ist, diese Zeit für mich zu priorisieren, habe ich trotzdem ein schlechtes Gewissen.
Ich frage mich jetzt schon, was mein Dreijähriger denkt, wenn ich nicht mit dabei bin. Bisher war ich immer da.
In solchen Momenten kommt schnell dieses Gefühl hoch, nicht genug zu sein. Nicht genug Mutter, nicht genug Partnerin, nicht genug Mensch für alle, die ich liebe.
Und vielleicht darf auch das Teil dieser Realität sein: dass ich weiß, was ich brauche, und das schlechte Gewissen trotzdem spüre. Dass beides gleichzeitig da sein darf.
Gemeinsame Zeit und liebevolle Grenzen.
Spielplatz und Nachmittage zu Hause.
Für andere da sein und mich selbst nicht verlieren.
Am Ende ist all das oft nur eine Momentaufnahme. Und Kinder dürfen vielleicht auch lernen, dass es wichtig ist, Dinge für sich zu tun, die einem guttun. Dass Fürsorge nicht immer nur nach außen geht. Und dass Grenzen nichts Kaltes sind, sondern manchmal etwas sehr Liebevolles.
Nicht mehr gegen meinen Körper
Ich kämpfe nicht mehr gegen meinen Körper — meistens.
Natürlich gibt es auch bei mir immer wieder Momente, in denen ich sehr frustriert auf meinen Körper blicke. Aber ich habe schnell gemerkt, dass dieser Kampf ein Teufelskreis ist, der mich gesundheitlich deutlich schlechter dastehen lässt.
Akzeptanz dagegen hat mir geholfen, wieder ein wenig mehr Leichtigkeit in meinen Alltag zu holen.
Für mich hat Akzeptanz nichts mit Aufgeben zu tun. Ganz im Gegenteil. Für mich bedeutet sie, auf der Basis dieser neuen Grenzen meines Körpers ein neues, tragfähiges Konstrukt zu bauen. Eines, das auf Zusammenarbeit mit meinem Körper beruht. Auf Vertrauen. Und auf einem neuen Tempo.
Ich habe Zeit. Aber nicht immer die Energie.
Viele sagen: „Ich habe keine Zeit.“
Ich sage: „Ich habe Zeit. Aber nicht immer die Energie.“
An Tagen ohne Energie hilft es mir immer wieder, die widersprüchlichen Gedanken in meinem Kopf zu Papier zu bringen, sie zu ordnen und zu überlegen, wie ich meinen neuen Lebensraum auf der Basis meiner Akzeptanz und mit meinen Grenzen weiter gestalten kann.
Tarot hilft mir an solchen Tagen auch, um neue Impulse zu bekommen. Meist sind es ohnehin eher die kleinen Rituale, die mich dann erden, und weniger die großen Routinen.
Ein Leben, das wirklich zu mir passt
Für mich geht es gar nicht darum, wieder die Alte zu werden.
Vielmehr geht es darum, eine Art zu leben zu finden, die wirklich zu mir passt. Vielleicht langsamer. Vielleicht bewusster. Vielleicht kleiner, als ich es früher für möglich gehalten hätte. Aber auch ehrlicher. Tragfähiger. Und näher an dem, was ich heute wirklich brauche.
Zeit und Energie sind nur ein Teil davon, was sich durch chronische Krankheit verändert. Unter Krankheit & Energie findest du weitere Gedanken und Erfahrungen über Fatigue, Schmerzen, Unplanbarkeit und das Leben mit einem Körper, der manchmal andere Pläne hat.
Wenn du magst, begleite ich dich auch zwischen den Texten.




Schreibe einen Kommentar