Einmal im Jahr nehme ich mir Zeit für einen Rückblick auf das vergangene Jahr und für einen vorsichtigen Blick auf das neue. Dabei arbeite ich seit Längerem mit Unravel Your Year von Susannah Conway, das sie jedes Jahr kostenlos auf Englisch zur Verfügung stellt. Ich habe darin vieles gefunden, das gut zu mir passt. Vielleicht ist es auch etwas für dich — ich verlinke es dir gerne.
Bei einem dieser Jahresrückblicke ist mir etwas aufgefallen, das mich erst nachdenklich und dann ehrlich gesagt auch ein bisschen traurig gemacht hat: Ich hatte kaum eines der Ziele erreicht, die ich mir für das Jahr vorgenommen hatte.
Aber es war nicht nur das.
Rückblickend habe ich gemerkt, dass mir diese Art von Zielsetzung über das Jahr hinweg kaum ein gutes Gefühl gegeben hat. Eher im Gegenteil. Sie hat mir immer wieder vor Augen geführt, was ich nicht geschafft habe. Ich habe innerlich einen Gegendruck gespürt. Ich habe mich unproduktiv gefühlt. Und ich habe gemerkt, wie sehr mich diese Ziele eher erschöpft als getragen haben.
Nicht, weil ich zu wenig wollte.
Nicht, weil ich mich nicht bemüht hätte.
Sondern weil diese Art von Orientierung für mich irgendwann nicht mehr stimmig war.
Oft waren die Ziele einfach zu groß. Und vielleicht ist da schon etwas Wahres dran an dem Satz, dass man oft überschätzt, was man in einem Jahr schaffen kann — und unterschätzt, was in zehn Jahren möglich ist.
Es geht mir heute nicht darum, gar keine Ziele mehr zu haben. Mein Blog hat Ziele. Unser Podcast hat sie auch. Sonst würde wahrscheinlich kein Blogpost mehr live gehen und keine Folge montags erscheinen. Ziele sind nicht grundsätzlich schlecht.
Ich habe nur für mich gelernt, dass es mich nicht glücklich macht, mein Leben ausschließlich nach ihnen auszurichten.
Denn ich möchte ja auch leben.
Ich möchte Pausen machen.
Ich möchte Raum für Spontanität haben, für das Verrückte, für das Ungeplante.
Und ich möchte nicht nur funktionieren.
Als Ziele mich eher erschöpft als getragen haben
Mit chronischer Krankheit gibt es immer wieder Tage, an denen ich nicht so produktiv sein kann, wie ich es vielleicht gern wäre. Und manchmal fällt mir das noch immer schwer. Gleichzeitig möchte ich die Verbindung zu meinem Körper nicht verlieren. Gerade deshalb sind Pausen an solchen Tagen so wichtig.
In diesen Momenten entscheide ich mich bewusst für Verbundenheit vor Produktivität.
So ist es auch mit meinen Kindern. Wenn sie aus der Schule nach Hause kommen, ist das Zeit, die ich mit ihnen verbringe. Auch da entscheide ich mich für Verbundenheit über Produktivität.
Früher hat sich ein Leben mit Zielen für mich oft nach einem nie endenden Streben angefühlt. Meine To-do-Liste war nie fertig. Ich hatte selten das Gefühl, wirklich ausruhen zu dürfen. Leistungsdruck und der Anspruch, funktionieren zu müssen, haben mich unnötig unter Stress gesetzt. Es hat sich oft so angefühlt, als würde mir all das Energie entziehen, statt mich in meinem Leben zu unterstützen. Als wäre ich irgendwann einfach leer gesaugt.
Vielleicht liegt genau darin der Unterschied, den ich heute viel klarer spüre.
Ein Leben, das sich stark an Zielen orientiert, kann Halt geben — vor allem dann, wenn vieles stabil und planbar ist. Aber es setzt oft auch voraus, dass das Leben halbwegs linear verläuft. Dass Energie verlässlich da ist. Dass der Weg einigermaßen gerade bleibt.
Und genau das ist nicht immer der Fall.
Was mich stattdessen trägt
Ich glaube inzwischen, dass Werte mich oft besser tragen als Ziele.
Nicht, weil sie alles lösen.
Nicht, weil sie mir jede Entscheidung abnehmen.
Sondern weil sie bleiben können, auch wenn Pläne wegbrechen.
Mein Leben ist heute nicht immer planbar. Durch meine chronische Erkrankung sowieso nicht. Aber auch ganz unabhängig davon bringt das Leben Phasen mit sich, in denen Ziele plötzlich nicht mehr greifen: Erschöpfung, Überforderung, Kinder, Krankheit, Verluste, Brüche, Veränderungen.
Werte fühlen sich für mich in solchen Zeiten weniger nach Druck und mehr nach Richtung an.
Heute frage ich mich viel öfter:
Wie möchte ich mich in meinem Alltag fühlen?
Was tut mir gut?
Was passt noch zu mir?
Was kostet mich unnötig Kraft?
Und was hilft mir, bei mir zu bleiben?
Meine Entscheidungen treffe ich inzwischen viel kooperativer mit meinem Körper. Ich höre genauer hin. Ich merke schneller, wenn etwas zu viel ist. Und ich nehme ernster, was mir Energie gibt und was sie mir nimmt.
Das fühlt sich nicht immer leicht an. Aber es fühlt sich stimmiger an.
Mein Wertekompass
Mein aktuelles Wertesystem steht auf vier Säulen: Verbundenheit, Authentizität, Sinn und Sanftheit.
Verbundenheit war eigentlich nie weg. Sie war immer eine meiner wichtigsten Säulen und wurde mit meinem Mann und meinen Kindern eher noch größer. Liebe, Bindung, Präsenz, emotionale Sicherheit, Mitgefühl — all das gehört für mich dazu.
Authentizität kam später wieder stärker zurück. Auf meinem Weg zurück zu mir selbst durfte ich langsam wieder herausfinden, was sich für mich wirklich wahr anfühlt. Und ich bin da noch immer unterwegs. Es gibt Glaubenssätze und Verhaltensmuster, die ich nach und nach anschauen darf.
Sinn kam danach. Erst als ich mir erlaubt habe, als ich selbst zu überlegen, was ich überhaupt als sinnhaft empfinde, konnte ich klarer sehen, was ich beruflich und persönlich wirklich möchte.
Und zuletzt kam Sanftheit. Vielleicht ist sie sogar die Säule, die ich bis heute am bewusstesten übe. Sanftheit mit meinem Körper. Sanftheit mit Tagen, an denen nicht alles gelingt. Sanftheit mit mir selbst, wenn es schwer ist.
Wenn ich all das in einen größeren Rahmen fassen müsste, würde ich vielleicht sagen: Mein Wertesystem ist nervensystemfreundlich und nicht leistungsorientiert.
Oder noch einfacher:
Ich möchte ein Leben führen, das sich sicher, echt und verbunden anfühlt.
Ich glaube an Wirkung ohne Härte, Nähe ohne Selbstaufgabe und Wachstum ohne Überforderung.
Ich möchte Beziehungen schaffen, die tragen, Räume, in denen Menschen sein dürfen, und Arbeit, die Sinn statt Druck erzeugt.
Mein Leben soll nicht perfekt wirken — sondern wahr sein.
Was sich dadurch verändert hat
Das Leben nach Werten fühlt sich für mich deutlich stimmiger an. Es orientiert sich nicht an dem, was nach außen vernünftig oder erfolgreich wirkt, sondern an dem, was mir wirklich wichtig ist.
Ich merke heute viel schneller, wenn ich gerade gegen mein Wertesystem gehe. Und oft spüre ich das sogar körperlich: als Unruhe, als Enge, als zusätzlichen Kraftverlust. Gleichzeitig ist da heute auch etwas anderes, das früher so nicht da war — mehr Ruhe im Körper und eine neue Klarheit, die Verschiebungen schneller wahrnimmt.
Vielleicht ist genau das eines der größten Geschenke daran:
dass ich mich mir selbst näher fühle.
Mein früheres, stark zielorientiertes Ich wollte vor allem vernünftig sein. Erfolgreich. Anerkannt. Lange Zeit dachte ich, ich müsste beruflich möglichst weit kommen. Die Karriereleiter hoch, so wie mein Vater es vorgelebt hat. Und wenn ich ehrlich bin, war da auch lange die Sehnsucht, seinen ausgesprochenen Stolz zu erleben.
Weder das eine noch das andere ist so eingetreten.
Und heute ist das in Ordnung.
Nicht, weil es nie wichtig gewesen wäre. Sondern weil ich inzwischen besser verstehe, dass diese Art von Karriere nie wirklich zu mir gepasst hätte. Ich passe nicht in diese corporate Business-Welt. Vielleicht hätte ich das früher nicht so klar sagen können. Heute kann ich es.
Auch, weil sich meine Prioritäten als chronisch kranke Mutter grundlegend verschoben haben. Das war kein schneller Prozess. Es hat Jahre gedauert. Aber ich bin inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem ich besser denn je weiß, was ich beruflich möchte — und was nicht.
Und was den Stolz meines Vaters angeht: Ich glaube, er ist da, auch wenn er unausgesprochen bleibt. Und auch das darf heute so sein.
Man wächst ja mit seinen Herausforderungen.
Werte statt starre Orientierung
Vielleicht brauchen wir also nicht immer neue Ziele.
Vielleicht brauchen wir manchmal eher etwas, das uns daran erinnert, wer wir eigentlich sind — und wer wir sein möchten, mitten in all dem, was das Leben gerade von uns verlangt.
Für mich sind Werte genau das.
Nicht als starres System. Nicht als etwas, das man einmal festlegt und dann für immer besitzt. Ich glaube eher, dass ein Wertesystem mit uns mitwächst. Dass es Phasen gibt, in denen es ein Fels in der Brandung ist. Und andere, in denen ein Sturm alles einmal durcheinanderwirbelt und man es danach neu zusammensetzt.
Auch das finde ich tröstlich.
Werte lösen nicht jedes Problem. Aber sie geben Richtung, wenn gerade die Orientierung fehlt. Sie helfen mir zu merken, was sich noch nach mir anfühlt — und was nicht mehr.
Und manchmal ist genau das schon sehr viel.
Ziele können sich verändern oder plötzlich unerreichbar werden. Werte können trotzdem eine Richtung geben. Unter Identität, Grenzen & Werte habe ich weitere Texte über persönliche Werte, Entscheidungen und den eigenen inneren Kompass gesammelt.
Wenn du magst, begleite ich dich auch zwischen den Texten.




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