Seit ich weiß, dass ich autistisch bin, kann ich nicht mehr alles wegfunktionieren
Am Freitag saß ich in einer Kletterhalle und mir kamen die Tränen.
Es war eine Halloween-Party. Der Raum war dunkel, überall leuchteten bunte Lichter, Kinder liefen durcheinander, Menschen redeten, irgendwo lief Musik. Eigentlich nichts Ungewöhnliches für so eine Veranstaltung. Ich saß einfach da und merkte plötzlich, wie vollkommen überfordert ich war.
Natürlich waren da die sensorischen Reize. Das Licht, die Geräusche, die vielen Menschen, die Bewegung überall um mich herum. Aber es war mehr als das. Es war dieses Gefühl, das ich so lange kaum zugelassen habe: Ich möchte gerade nicht hier sein. Das ist mir zu viel. Ich fühle mich unwohl. Ich weiß nicht, wohin mit mir.
Und vielleicht war das eigentlich das Ungewöhnliche an diesem Abend. Nicht, dass ich überfordert war. Sondern dass ich es gespürt habe.
Ich war 42, als ich erfahren habe, dass ich autistisch bin
Vor wenigen Wochen habe ich mit 42 Jahren meine Autismus-Diagnose bekommen. Seitdem passiert etwas mit mir, das ich noch nicht vollständig verstehe.
Manchmal fühlt es sich fast so an, als würde ich plötzlich weniger aushalten als früher. Geräusche wirken lauter, Menschen anstrengender, soziale Situationen schwieriger und meine Gefühle liegen viel näher an der Oberfläche. Natürlich bin ich innerhalb weniger Wochen kein anderer Mensch geworden. Ich war auch vorher die Frau, die sich in Gruppen häufig nicht wirklich zugehörig fühlte, die soziale Situationen analysierte, statt sich selbstverständlich in ihnen zu bewegen, die nach Treffen mit Menschen Ruhe brauchte und Lärm, grelles Licht und zu viele parallele Eindrücke schwer ertragen konnte. Ich war auch vorher die Frau, die sich zurückzog, wenn alles zu viel wurde, und trotzdem unglaublich gut darin war, nach außen weiterzumachen.
Ich hatte dafür nur keine passende Erklärung.
Also habe ich andere gefunden. Ich musste mich eben mehr anstrengen. Ich war zu empfindlich. Ich war introvertiert. Ich musste mich zusammenreißen. Ich durfte nicht so kompliziert sein.
Und vor allem musste ich funktionieren.
Funktionieren war lange meine Lösung für fast alles
Rückblickend glaube ich, dass ich einen großen Teil meines Lebens damit verbracht habe, herauszufinden, wie man sich richtig verhält. Welche Reaktion wird erwartet? Was sage ich jetzt? Wie lange schaut man jemanden an? Wann spricht man? Wann lacht man? Wann ist etwas nur ein Scherz? Was macht man, wenn man eigentlich nach Hause möchte, aber alle anderen offensichtlich noch Spaß haben?
Vieles davon passiert inzwischen automatisch. So automatisch, dass mir lange gar nicht bewusst war, wie viel davon Anpassung ist. Masking heißt das Wort, das ich inzwischen dafür kenne: das bewusste oder unbewusste Anpassen, Überspielen und Unterdrücken von Dingen, die nach außen nicht auffallen sollen. Bei mir war es so selbstverständlich geworden, dass ich vieles davon gar nicht mehr als Anpassung wahrgenommen habe.
Und ich habe sehr lange sehr gut funktioniert. Vielleicht sogar zu gut. Denn wenn man nach außen funktioniert, sieht kaum jemand, wie viel Kraft es innen kostet. Irgendwann verliert man selbst den Blick dafür. Über dieses Gefühl, dass Funktionieren sich manchmal sicherer anfühlt als Fühlen, habe ich schon einmal geschrieben. Damals wusste ich allerdings noch nicht, dass Autismus ein Teil meiner eigenen Geschichte ist.
Ich glaube, genau das verändert sich gerade.
Seit ich weiß, dass ich autistisch bin, nehme ich mein Unwohlsein viel deutlicher wahr. Ich habe inzwischen eine Sprache für das, was mein Körper und mein Kopf mir sagen. Ich kann benennen, dass eine Situation gerade viel für mich ist, dass Reize sich aufstauen oder dass meine Energie zur Neige geht. Damit wird es schwieriger, mich selbst mit einem einfachen „Reiß dich zusammen“ über meine Grenzen hinwegzuschieben.
Vielleicht spüre ich nicht mehr – vielleicht höre ich nur endlich zu
Einen Tag nach unserer Halloween-Feier saß ich mit meiner Familie am Tisch und fing plötzlich an zu weinen. Nicht leise ein bisschen. Es kam einfach.
Die Feier am Abend davor war schön gewesen. Wir hatten Freunde da, die Kinder hatten Spaß, wir hatten vorbereitet, gekocht, gebacken, aufgeräumt, geredet, organisiert und funktioniert. Für mich war es trotzdem zu viel gewesen. Körperlich und mental.
Früher hätte ich wahrscheinlich vor allem versucht, weiterzumachen. Vielleicht hätte ich mich gefragt, warum andere Menschen solche Dinge scheinbar problemlos schaffen und warum ich hinterher vollkommen leer bin. Heute kann ich zumindest ein bisschen besser verstehen, was da passiert.
Ich lebe mit einem neurodivergenten Gehirn, das Reize anders verarbeitet und soziale Situationen anders erlebt. Gleichzeitig lebe ich mit chronischen Erkrankungen. Meine Energie ist begrenzt und in den letzten Jahren deutlich weniger selbstverständlich geworden.
Beides trifft aufeinander. Und es verändert mein Masking.
Was ich jahrzehntelang mit enormem Kraftaufwand kompensieren konnte, lässt sich heute immer schwerer aufrechterhalten. Mir fehlt schlicht die Energie, um jede Überforderung zu überspielen, jeden Reiz auszublenden und in jeder Situation weiter so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Manchmal kommen dann die Tränen. Mitten in einer Kletterhalle, am Esstisch oder in einem Moment, in dem ich eigentlich dachte, ich müsste doch gerade völlig in Ordnung sein.
Die Diagnose verändert auch meinen Blick auf die Mutter, die ich geworden bin
Vielleicht ist das einer der Bereiche, in denen diese neue Perspektive für mich am meisten verändert.
Mama zu werden war für mich wunderschön. Und gleichzeitig unfassbar herausfordernd.
Kinder sind laut. Sie sind unvorhersehbar. Sie unterbrechen. Sie wollen gleichzeitig sprechen. Sie wollen berührt werden, wenn man eigentlich gerade keine Berührung mehr ertragen kann. Sie brauchen Antworten, wenn im eigenen Kopf längst nichts mehr sortiert ist. Es gibt wenig Rückzugsmöglichkeiten, kaum echte Pausen und erstaunlich wenige Momente, in denen nur ein Reiz gleichzeitig auf einen einprasselt.
Ich habe mich lange gefragt, warum mir manche Dinge so schwerfallen. Warum ich manchmal plötzlich keine Worte mehr finde, wenn zwei Kinder gleichzeitig mit mir reden. Warum Lärm irgendwann nicht nur störend ist, sondern sich fast körperlich anfühlt. Warum ich so dringend Zeit allein brauche und gleichzeitig ein schlechtes Gewissen deswegen habe. Warum ich meine Familie von ganzem Herzen lieben kann und nach gemeinsamer Zeit trotzdem manchmal vollkommen erschöpft bin.
Und natürlich habe ich mich gefragt, ob mit mir etwas nicht stimmt.
Heute kann ich mitfühlender auf diese Fragen schauen. Die Diagnose macht meinen Alltag nicht plötzlich leicht und liefert mir auch nicht für jede Situation die richtige Lösung. Aber sie gibt mir einen anderen Blick auf mich selbst.
Ich kann zurückschauen auf diese junge Mutter, die versucht hat, all das gleichzeitig zu tragen, ohne zu wissen, warum manches für sie so viel mehr Kraft kostete. Und ich möchte ihr heute nicht mehr sagen, sie müsse sich einfach mehr Mühe geben.
Ich möchte ihr sagen: Du hast dir schon unglaublich viel Mühe gegeben.
Eine gute Mutter muss nicht alles können
Ich weiß heute, dass ich eine gute Mama bin. Auch wenn ich manches anders mache. Auch wenn ich bestimmte Situationen mit meinen Kindern schwieriger finde als andere Eltern vielleicht. Auch wenn Kindergeburtstage, laute Veranstaltungen oder ein ganzer Tag voller Menschen mich mehr Kraft kosten, als ich mir manchmal wünschen würde.
Meine Kinder brauchen keine Mutter, die jede Situation problemlos aushält. Sie brauchen mich.
Und ich gebe jeden Tag mein Bestes.
Für mich bedeutet das auch, weiter herauszufinden, wo meine Grenzen liegen und wo ich sie vielleicht ein Stück erweitern kann. Ich möchte meine Trigger verstehen, neue Wege ausprobieren und mich auch außerhalb meiner Komfortzone bewegen. Gleichzeitig möchte ich einen Unterschied lernen, den ich früher kaum wahrgenommen habe: den Unterschied zwischen Wachstum und Selbstüberforderung.
Zwischen „Das ist unangenehm, aber ich kann das schaffen“ und „Mein gesamtes System sagt mir gerade, dass es genug ist“.
Diesen Unterschied lerne ich noch. Und vielleicht gehört dazu auch das, worüber ich schon in „Grenzen setzen, wenn man gelernt hat, sich anzupassen“ geschrieben habe: überhaupt erst wahrzunehmen, wo die eigene Grenze liegt, bevor man versucht, sie zu erklären oder zu verteidigen.
Vielleicht ist das gerade der schwierigste Teil
Es gibt etwas Merkwürdiges daran, sich mit 42 Jahren plötzlich zu erlauben, Dinge zu fühlen, die man jahrzehntelang weggeschoben hat.
Gefühle werden dadurch nicht automatisch kleiner. Manchmal scheint sogar das Gegenteil zu passieren. Wenn ich mein Unwohlsein wirklich wahrnehme, spüre ich erst, wie groß es eigentlich ist. Wenn ich anerkenne, dass eine Situation mich überfordert, merke ich plötzlich die ganze Überforderung. Sobald ich den vertrauten Funktionsmodus verlasse, wird sichtbar, was darunter die ganze Zeit vorhanden war.
Das kann ziemlich überwältigend sein.
Vielleicht ist deshalb die Vorstellung vom „Unmasking“ als einfache Befreiung zu kurz gedacht. Natürlich fühlt es sich befreiend an, mich besser zu verstehen. Gleichzeitig ist es verunsichernd. Wenn man sehr lange gelernt hat, sich an anderen Menschen zu orientieren, stellt sich irgendwann eine ziemlich große Frage:
Was bleibt eigentlich übrig, wenn ich aufhöre, mich ständig anzupassen?
Ich kenne darauf noch keine vollständige Antwort.
Ich versuche gerade nicht, ein neuer Mensch zu werden
Vielleicht ist das Wichtigste, was ich seit meiner Diagnose langsam verstehe:
Ich muss mich nicht neu erfinden. Ich muss mich kennenlernen.
Die Frau, die Ruhe braucht. Die Frau, die lieber mit einem Menschen spricht als mit zehn gleichzeitig. Die Frau, die manche Geräusche kaum erträgt und trotzdem auf einem lauten Kindergeburtstag sitzen kann, weil ihr Kind dort gerade glücklich ist. Die Frau, die ihre Familie liebt und Zeit allein braucht. Die Frau, die manchmal sehr viel aushält und an einem anderen Tag schon von scheinbar kleinen Dingen überwältigt wird. Die Frau, die sich jahrzehntelang angepasst hat und jetzt erst langsam herausfindet, wo Anpassung aufhört und sie selbst beginnt.
Vielleicht werde ich dadurch in nächster Zeit öfter in einer Kletterhalle sitzen und plötzlich Tränen in den Augen haben. Vielleicht werde ich öfter merken, dass mir etwas zu viel ist. Vielleicht werde ich öfter Nein sagen. Und wahrscheinlich werde ich mich dabei manchmal fragen, ob ich früher nicht unkomplizierter war.
Aber vielleicht war ich gar nicht unkomplizierter.
Vielleicht war ich nur besser darin, mich selbst zu überhören.
Und genau damit möchte ich langsam aufhören.
Wenn du gerade selbst versuchst herauszufinden, wer du eigentlich bist – jenseits von Erwartungen, Anpassung und alten Rollen –, findest du im Themenbereich Identität, Grenzen & Werte weitere Texte über Selbstwahrnehmung, Grenzen und das langsame Kennenlernen des eigenen Ichs.




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