Wenn Funktionieren sich sicherer anfühlt als Fühlen

In einem meiner letzten Blogbeiträge habe ich darüber geschrieben, dass ich Selbstbewusstsein über Selbstoptimierung stelle. Und inzwischen würde ich sogar noch einen Schritt weitergehen: Vielleicht geht es überhaupt nicht darum, mich selbst zu optimieren. Es geht für mich vielmehr darum, ein Leben zu führen, das zu mir passt. Entsprechend meiner eigenen Werte und Vorstellungen. Ein Leben, in dem ich mich nicht ständig an irgendeiner besseren Version meiner selbst messe, sondern der Person, die ich heute bin, möglichst freundlich begegnen kann.

Und genau deshalb beschäftigt mich gerade ein Thema, das von Selbstoptimierung kaum weiter entfernt sein könnte.

Ich bin chronisch krank. Ich bin erschöpft. Mein Körper setzt Grenzen. Und trotzdem funktioniere ich oft weiter.

Wenn der Körper längst etwas weiß, was ich noch übergehe

Eigentlich kenne ich meine Grenzen inzwischen ziemlich gut. Ich merke, wenn mein Kopf langsamer wird, wenn meine Konzentration nachlässt, wenn mein Körper schwer wird und der Wunsch nach Rückzug immer größer. Und trotzdem arbeite ich manchmal weiter. Ich kümmere mich um andere, obwohl es längst an der Zeit wäre, mich selbst ein wenig mit einzubeziehen. Ich organisiere, plane voraus, halte Dinge zusammen. Ich bin verfügbar, obwohl ich eigentlich Ruhe brauche. Oft merke ich in diesen Situationen noch nicht einmal, wie erschöpft ich tatsächlich schon bin.

Ich erlaube meinem Körper das Zusammenbrechen erst, wenn alles geschafft ist. Nur: Ist eigentlich jemals alles geschafft?

Gerade merke ich das besonders deutlich. Es sind Sommerferien. Gleichzeitig hat sich mein Körper nach dem Start mit meinem Biologikum noch immer nicht richtig eingependelt. Körperlich ist diese Zeit für mich sehr herausfordernd, und trotzdem läuft der Alltag weiter. Die Kinder sind den ganzen Tag da. Ihre Bedürfnisse verschwinden nicht, nur weil mein Körper gerade weniger kann. An den Wochenenden ist es kaum anders. Mein Mann ist durch seine Arbeit ebenfalls stark belastet, und so gibt es im Moment wenig Raum, in dem einer von uns wirklich einmal herausfallen kann.

Ich versuche mir kleine Momente zu nehmen. Ein paar Minuten Ruhe. Kurz sitzen. Vielleicht einmal allein sein. Aber selbst diese kleinen Pausen fühlen sich nicht automatisch nach Erholung an. Manchmal sitzt mein Körper zwar still, während in mir trotzdem alles weiterläuft.

Funktionieren war einmal Sicherheit

Ich glaube, dass mein Weiterfunktionieren nicht nur etwas mit meinem heutigen Alltag zu tun hat. Es ist älter.

In meiner Kindheit wurden Emotionen nicht besonders gern gesehen. Und davon hatte ich viele. Ich hatte schon früh das Gefühl, alles sehr intensiv wahrzunehmen. Gleichzeitig war weder diese Fülle an Gefühlen besonders erwünscht, noch wurde viel darüber gesprochen. Ich habe deshalb lange nicht gelernt, gut mit ihnen umzugehen. Oft fühlte ich mich meinen eigenen Emotionen eher ausgeliefert.

Und auch heute passiert es manchmal noch, dass ich erstarre, wenn zu vieles gleichzeitig zusammenkommt. Wenn Gefühle, Anforderungen und Reize sich stapeln, reagiert mein Körper manchmal schneller, als mein Kopf überhaupt verstehen kann, was gerade passiert. Ich merke heute, dass manche dieser Reaktionen sehr viel älter sind als die Situation, in der sie auftauchen: die Wachsamkeit, das schnelle Anpassen, der Wunsch, dass es allen um mich herum gut geht, das Gefühl, verantwortlich für Harmonie zu sein.

Früher dachte ich, genau das sei Stärke. Leistung bringen. Verlässlich sein. Mich kümmern. Mich anpassen. Möglichst wenig Schwierigkeiten machen. Ich habe Stärke lange mit ständiger Anspannung verwechselt. Heute glaube ich, dass mein Körper damals sehr viel für mich getragen hat, was ich erst langsam zu verstehen beginne.

Wenn Pause sich nach Unzulänglichkeit anfühlt

Auch mein Verhältnis zu Pausen hat eine Geschichte. Ich bin damit aufgewachsen, dass man eigentlich immer etwas tun konnte. Mein Vater hat sehr viel gearbeitet. Entweder war er im Büro, später noch in seinem Büro zu Hause oder er kümmerte sich um Haus und Garten. Pausen habe ich bei ihm nur selten erlebt.

Und diese Haltung war nicht nur etwas, das ich beobachtet habe. Ich habe sie auch gespürt. Selbst bei vermeintlichen Kleinigkeiten. Als junge Frau waren zum Beispiel meine ersten Autos von meinen Eltern bezahlt worden. Mein Vater legte deshalb großen Wert darauf, dass ich mich entsprechend darum kümmerte. Wenn ich am Wochenende mit einem ungewaschenen Auto nach Hause kam, bekam ich das durchaus zu hören.

Eigentlich eine kleine Szene. Und trotzdem steckt darin für mich rückblickend etwas Größeres: dieses Gefühl, nicht genug getan zu haben. Ich hätte mich besser kümmern können. Ich wäre meinen Aufgaben nicht ausreichend nachgekommen.

Hallo, Unzulänglichkeit.

Aus dieser Zeit stammt auch ein Glaubenssatz, der sich sehr lange gehalten hat: Nur faule Menschen machen Pausen. Als ich später meine eigene Wohnung hatte und mir erlaubte, an einem Wochenende einmal nichts zu tun, ging das deshalb fast immer mit einem schlechten Gewissen einher. Ich lag vielleicht auf dem Sofa, aber wirklich zur Ruhe kam ich nicht. Während mein Körper eine Pause machte, setzte ich mich innerlich weiter unter Druck.

Der Autopilot, den ich noch immer kenne

Heute sehe ich vieles davon klarer. Und trotzdem bedeutet Erkenntnis nicht automatisch, dass alte Muster verschwinden. Auch heute fällt es mir schwer, eine Pause zu machen, wenn meine To-do-Liste lang ist. Manchmal weiß ich sogar ganz genau, dass ich eigentlich aufhören müsste – und mache trotzdem weiter. Es fühlt sich dann fast wie ein Autopilot an. Ich merke erst spät, dass ich längst über eine Belastungsgrenze gegangen bin.

Und manchmal ist es gar nicht die Aufgabe selbst, die mich weitermachen lässt. Es ist das Gefühl, das auftaucht, wenn ich sie liegen lasse. Das schlechte Gewissen, wenn jemand anderes mehr übernehmen muss. Die Unruhe, wenn etwas unerledigt bleibt. Das Gefühl, nicht genug getan zu haben. Oder der Gedanke, dass ich mich doch nur noch ein bisschen zusammenreißen müsste.

Gerade in Phasen wie jetzt wird mir das besonders bewusst. Eigentlich bräuchte mein Körper mehr Ruhe. Gleichzeitig gibt es kaum größere zusammenhängende Räume dafür. Also versuche ich, die kleinen Momente dazwischen zu nutzen. Und manchmal gelingt das. Manchmal merke ich aber auch, dass ich körperlich zwar kurz aussteige, mein Nervensystem aber längst nicht hinterherkommt. Ich sitze dann vielleicht für zehn Minuten still und denke gleichzeitig schon wieder an das nächste Essen, die nächste Aufgabe, an irgendetwas, das noch organisiert werden muss.

Es ist erstaunlich, wie schwer Nichtstun sein kann, wenn Funktionieren sich so lange sicher angefühlt hat.

Wenn Funktionieren bedeutet, mich selbst zu verlassen

Das Funktionieren hat mir lange gedient. Es hat mich verlässlich gemacht, verantwortungsbewusst, anpassungsfähig. Es hat dafür gesorgt, dass ich Dinge tragen konnte, auch wenn es eigentlich schon viel war. Vielleicht hat es mich manchmal auch davor geschützt, Gefühle wirklich wahrnehmen zu müssen: Ohnmacht, Trauer, Angst, Bedürftigkeit. Denn Funktionieren fühlt sich kontrollierbarer an. Fühlen nicht immer.

Ich habe früh gelernt, dass Funktionieren sicherer sein kann als Fühlen. Meine Gefühle erschienen mir oft zu groß, zu kompliziert, vielleicht auch zu belastend für meine Umgebung. Also habe ich mich lieber zusammengerissen. Heute funktioniert das nicht mehr auf dieselbe Weise. Mein Körper lässt sich nicht unbegrenzt übergehen.

Und vielleicht ist genau das eine der schwierigsten Erfahrungen chronischer Krankheit: nicht nur weniger zu können, sondern gleichzeitig auf all die alten inneren Stimmen zu treffen, die noch immer glauben, man müsse eigentlich mehr schaffen. Manchmal merke ich meine Grenze rechtzeitig. Manchmal erst hinterher. Und manchmal merke ich sie und gehe trotzdem darüber.

Aber in dem Moment, in dem Funktionieren keine Fürsorge mehr ist, fühlt es sich für mich zunehmend an wie eine Form von Selbstverlassen. Als würde ich meinen Körper zwar hören, ihm aber trotzdem sagen: Noch nicht. Erst später. Erst wenn alles andere erledigt ist. Und manchmal fühlt sich genau das inzwischen schlimmer an, als bewusst eine Pause zu machen.

Vielleicht beginnt Selbstbewusstsein genau hier

Vielleicht liegt genau hier für mich der Unterschied zwischen Selbstoptimierung und Selbstbewusstsein. Selbstoptimierung würde vielleicht fragen, wie ich meine Energie besser einteile. Wie ich Pausen effizienter nutze. Wie ich trotz begrenzter Kraft möglichst viel schaffe.

Aber darum geht es mir immer weniger.

Ich möchte vielmehr bemerken, wann ich beginne, mich selbst zu verlassen. Wann ich weiterlaufe, obwohl etwas in mir längst nach Ruhe ruft. Wann ich mich selbst wieder nur nach dem bewerte, was ich geleistet habe. Und wann ein Teil von mir noch immer glaubt, dass ich mir Ruhe erst verdienen müsste.

Ich kann das nicht immer verhindern. Manchmal bemerke ich es erst hinterher. Manchmal weiß ich es und mache trotzdem weiter. Und manchmal gibt es im Alltag tatsächlich keinen großen Raum für das, was mein Körper eigentlich bräuchte. Dann bleiben vielleicht nur diese kleinen Momente. Ein paar Minuten. Eine geschlossene Tür. Ein Atemzug, bevor es weitergeht.

Nicht jede dieser Pausen fühlt sich sofort erholsam an. Vielleicht muss sie das auch gar nicht. Vielleicht beginnt bei mir bleiben manchmal schon damit, überhaupt zu bemerken: Ich bin müde. Ich brauche gerade etwas. Ich bin noch da.

Nicht darin, es endlich richtig zu machen.

Sondern darin, mich selbst auch zwischen all dem Funktionieren immer wiederzufinden.


Wenn du magst, begleite ich dich auch zwischen den Texten.

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ÜBER MICH

Hi, ich bin Nina –
Mama von zwei Jungs, mit einem Körper, der seine ganz eigenen Regeln hat,
und deine Begleiterin bei Die sanfte Rebellion.

Ich stehe selbst noch mitten im Prozess – auf meinem Weg zurück zu mir, zu mehr Echtheit, innerer Ruhe und einem Leben, was sich wieder stimmig anfühlt.
Dieser Blog ist mein Raum, um zu teilen, zu lernen und zu wachsen. Ein kleines Stück Rebellion gegen das reine Funktionieren, gegen das permanente „Müssen“ – und für ein Leben, das sich wieder echt anfühlen darf.

Hier findest du ehrliche Reflexionen, sanfte Inspiration und kleine, alltagstaugliche Schritte, die dich dabei begleiten, wieder bei dir selbst anzukommen. Ohne Perfektion – aber mit ganz viel Herz.

Vielleicht bist du hier, weil du dich nach einem Ort sehnst, an dem du nicht zuerst erklären musst, warum du müde bist.
Ein Ort, an dem du nicht „besser werden musst“, um willkommen zu sein.

Die sanfte Rebellion ist für mich kein lautes Dagegen, eher ein Zurück:
zurück in den Körper, zurück in ein Leben, das sich für dich wahr anfühlt.
Und es ist ein Mit:
mit dir – und allem, was dazu gehört -auf einer Reise zurück zu dir selbst.

Ich schreibe neben dir.
Ohne schnelle Lösungen, ohne Druck. Eher wie eine leise Umarmung: da, wenn du sie brauchst.

Du darfst mitnehmen, was dich stärkt und den Rest hier lassen. Alles kann, nichts muss.

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