In unserer neuen Podcastfolge sprechen wir über Wendepunkte, die man sich nicht aussucht. Über Krankheit, Verlust, plötzliche Brüche – und darüber, wie sehr solche Erfahrungen einen Menschen prägen können. Diese Wendepunkte sind Angies Geschichte. Und während ich zugehört habe, wurde mir wieder bewusst, wie unterschiedlich unsere Lebenswege sind – und wie sehr sich manche Gefühle trotzdem berühren.
Ich kenne Angies Geschichten nicht aus meinem eigenen Leben. Aber ich kenne etwas von dem Gefühl, wenn das Leben plötzlich enger wird. Wenn man funktionieren muss, obwohl innerlich längst etwas anderes los ist. Nicht jede Erfahrung muss dieselbe sein, um etwas in uns zu berühren.
Nicht alles in unserem Leben beruht auf eigenen Entscheidungen. Manchmal stellt uns das Leben einfach etwas hin – und danach ist nichts mehr wie vorher. Solche Erfahrungen formen uns oft schon, lange bevor wir Worte für sie haben. Und manchmal merken wir überhaupt erst im Rückblick, dass wir an einem Wendepunkt standen.
Drei Wendepunkte, die ein Leben verändern können
In Angies Fall waren es drei sehr unterschiedliche Erfahrungen, die sich tief in ihr Leben eingeschrieben haben: der Tod ihrer Mutter an Krebs, der Verlust ihres ersten Jobs und später die eigene Krebsdiagnose.
So unterschiedlich diese Erfahrungen sind, haben sie doch etwas gemeinsam: Sie kamen nicht geplant. Und sie haben etwas verschoben – im Blick auf das Leben, auf den eigenen Körper, auf Sicherheit, auf Zukunft.
Nicht jeder Wendepunkt trägt die gleiche Schwere nach außen. Manche Erfahrungen wirken auf den ersten Blick kleiner, fast alltäglich – und greifen trotzdem tief ins eigene Selbstverständnis ein. Auch berufliche Brüche können uns erschüttern, gerade dann, wenn sie früh kommen und uns an uns selbst zweifeln lassen. Nicht gewollt zu werden, obwohl man sich bemüht, schreibt sich oft tiefer ein, als man im ersten Moment denkt.
Wie Krankheit das Leben verändert
Krankheit und Tod sind prägende Themen – unabhängig davon, in welchem Lebensabschnitt sie auftauchen. Und gleichzeitig glaube ich, dass sie uns in jungen Jahren oft anders treffen als später, in einer Zeit, in der der Tod noch weit weg zu sein scheint.
Wenn ich darüber nachdenke, komme ich unweigerlich auch bei meinen Kindern an. Ich frage mich, wie es sie prägt, mit einer kranken Mutter aufzuwachsen. Und ich frage mich, ob es mir gelingt, diese Prägung nicht zu etwas Schwerem werden zu lassen. Zu etwas, das sie kennen dürfen, ohne dass es zu einer Verantwortung wird, die nicht die ihre ist.
Auch für die Person, die selbst erkrankt, ist diese Zeit prägend. Ich merke an meinem eigenen Weg, dass ich heute anders mit Krankheit umgehe als noch vor einigen Jahren. Meine Kinder dürfen Unterstützung bekommen, Orientierung, Halt. Und ich selbst fühle mich heute innerlich gefestigter. Gefestigt genug, um zu sagen: Ich muss mich von meinen Diagnosen nicht nur negativ prägen lassen.
So wie Liebe uns auf gute Weise prägen kann, versuche ich auch meine Diagnosen als Teil meines Lebens anzunehmen – nicht romantisiert, nicht schöngefärbt, aber auch nicht nur als Bedrohung.
Und trotzdem verändert Krankheit vieles. Sie verändert das Verhältnis zum eigenen Körper. Sie stellt das Sicherheitsgefühl auf die Probe. Sie verschiebt die Zukunft, die wir vielleicht schon innerlich entworfen hatten. Und oft bringt sie auch dieses Gefühl mit sich, trotz allem weiter funktionieren zu müssen – in dem Rahmen, der eben noch möglich ist.
Wenn der Tod plötzlich näher rückt
Wie Angie musste ich mich bisher nicht von einem Elternteil verabschieden. Aber auch ich bin in meinem Leben schon mit Tod und Verlust in Berührung gekommen. Mit Beerdigungen. Mit Momenten, die sich eingebrannt haben, weil sie von rohen Emotionen getragen waren. Emotionen, für die ich lange keinen wirklichen Raum hatte.
Der Tod war für mich lange etwas Fernes. Etwas Ungreifbares. Etwas, womit ich mich nicht auseinandersetzen wollte. Und doch haben Verluste immer wieder genau diese tiefen, offenen Gefühle in mir berührt.
Erst vor Kurzem habe ich begonnen, mich bewusster mit dem Thema Tod auseinanderzusetzen. Vielleicht auch deshalb, weil meine Diagnosen den Puffer zwischen Leben und Tod kleiner haben werden lassen. Ich bin mir meiner eigenen Sterblichkeit bewusster geworden. Und daraus ist in mir nicht weniger Lebenswille entstanden, sondern mehr.
Ich wollte lernen, mit dem Gedanken an den Tod friedlicher zu sein. Nicht, weil ich weniger am Leben hänge. Sondern weil ich heute stärker denn je spüre, wie sehr ich leben will.
In Angies Worten: „Ich habe keine Zeit zu sterben.“
Ihre Krankheitsgeschichte ist eine andere als meine. Und trotzdem sind wir an diesem Punkt gar nicht so weit voneinander entfernt. Auch ich bin damit beschäftigt, mein Leben so sehr zu leben, wie es mir möglich ist. Auch ich habe keine Zeit zu sterben.
Wenn der Körper nicht mehr selbstverständlich sicher ist
Angie beschreibt, dass sie nach dem Tod ihrer Mutter ein tiefes Misstrauen gegenüber dem eigenen Körper, gegenüber Gesundheit und auch gegenüber Ärzt:innen entwickelt hat. Das kann ich sehr gut nachvollziehen.
Auch ich habe zwischenzeitlich den Glauben an medizinische Räume verloren. Besonders in den zwei Jahren vor der Diagnose meiner chronischen Erkrankungen. Es wurde immer nur auf einzelne Bereiche geschaut. Niemand schien den ganzen Zusammenhang in den Blick zu nehmen. Und irgendwann waren Arzttermine für mich keine Entlastung mehr, sondern etwas, das zusätzliche Unsicherheit ausgelöst hat.
Wenn der Körper nicht mehr verlässlich wirkt, verändert das viel. Man lernt, wachsam zu sein. Man hört genauer hin. Man beginnt zu prüfen, zu beobachten, zu hinterfragen. Und manchmal ist genau das nötig. Aber leicht ist es nicht.
Warum Hilfe annehmen so schwer sein kann
Mitten in all dem, was eine Diagnose auslöst, taucht oft noch ein anderer Satz auf: Ich muss das alleine schaffen.
Wenn man früh gelernt hat, auf sich selbst gestellt zu sein, dann fällt Hilfe annehmen oft schwer. Bei Angie wird das im Gespräch sehr deutlich. Und auch wenn ich im Unterschied zu ihr meine Familie immer im Hintergrund hatte, war es für mich trotzdem nie leicht, Unterstützung wirklich anzunehmen.
Erst mit meinen Diagnosen habe ich angefangen, das langsam zu lernen.
Was mir dabei geholfen hat, war ein anderer Blick auf Geben und Nehmen. Beziehungen sind für mich nicht an jedem einzelnen Punkt ausgeglichen. Nicht jede Geste wird direkt aufgewogen, nicht jede Unterstützung sofort erwidert. Aber über die Zeit darf Vertrauen darin wachsen, dass es im Ganzen trägt.
Ich glaube daran, dass ich für das, was ich gebe, auf unterschiedliche Weise auch wieder etwas zurückbekomme. Nicht immer direkt. Nicht immer sichtbar. Aber oft doch sehr deutlich. Und dieser Gedanke hat es mir ein wenig leichter gemacht, auch selbst Hilfe anzunehmen.
Wenn Angst ihre Macht verändert
Angie erzählt auch, dass sich nach ihrer Krebserkrankung etwas Grundlegendes verändert hat: Die Angst vor genau so einer Diagnose hat einen Teil ihrer Macht verloren, weil sie erlebt hat, dass sie selbst in dieser Situation handlungsfähig bleiben konnte.
Ich finde diesen Gedanken sehr berührend. Manchmal verlieren Dinge einen Teil ihrer Macht, sobald sie nicht mehr nur Vorstellung sind. Nicht, weil sie harmlos werden. Sondern weil wir erfahren, dass wir in ihnen nicht vollkommen verschwinden.
Auch darin berühren sich unsere Erfahrungen, ohne identisch zu sein.
Wo sich unsere Geschichten berühren
Unsere Geschichten sind nicht dieselben. Und sie müssen es auch nicht sein. Aber sie berühren sich in manchen Fragen, in manchen Gefühlen, in manchen Bewegungen des Lebens.
Vieles suchen wir uns nicht aus. Aber ich glaube daran, dass sich etwas verändern kann, wenn wir anfangen, darüber zu sprechen.
In unserer 2. Podcastfolge „Das Leben hatte andere Pläne für Angie“ erzählt Angie von genau solchen Wendepunkten – offen, ehrlich und auf eine Weise, die nachklingt. Wenn du die Folge hören möchtest, findest du sie direkt hier im Anschluss.
Wenn du tiefer eintauchen möchtest: Hier findest du alle bisherigen Folgen – gesammelt in unserem Podcast-Raum.
Wenn du gerade im Dazwischen steckst: Hier findest du Texte über Warten, Nicht-Wissen und das leise Weiterleben dazwischen.
Wenn du magst, begleite ich dich auch zwischen den Texten.




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