Die leise Sprache unseres Körpers verstehen
Ich habe in meinen Blogbeiträgen schon oft über das Nervensystem geschrieben. Nicht unbedingt immer mit diesem Wort – aber mit dem, was dahinterliegt: Überforderung, Erschöpfung, Reizempfindlichkeit. Dieses Gefühl, dass der Körper irgendwann nicht mehr einfach nur „mitmacht“.
Je länger ich mit chronischer Krankheit lebe, desto deutlicher wird mir, wie eng all das miteinander verwoben ist.
Nicht im Sinne von: Es ist alles nur Stress.
Und auch nicht im Sinne von: Wenn du dich nur genug regulierst, wird alles gut.
Eher so:
Unser Nervensystem ist ein Teil dieser Geschichte. Ein sehr zentraler sogar. Und vielleicht lohnt es sich, ihm einmal einen ganzen Beitrag zu widmen.
Nicht als Expertin.
Sondern so, wie ich es selbst gerade lerne zu verstehen.
Denn ich bin nicht am Ende dieses Weges.
Ich bin mittendrin.
Unser Nervensystem – mehr als nur „Stress“
Unser Nervensystem ist das Kommunikationsnetzwerk unseres Körpers. Es nimmt ständig Informationen auf – aus unserer Umgebung und aus unserem Inneren – und hilft dem Körper dabei zu entscheiden, wie er reagieren soll.
Man könnte sagen, es beantwortet den ganzen Tag drei Fragen:
- Was passiert gerade?
- Ist das sicher oder potenziell gefährlich?
- Was soll mein Körper jetzt tun?
Das meiste davon geschieht unglaublich schnell und ohne unser bewusstes Zutun.
Ein Teil dieses Systems ist das sogenannte autonome Nervensystem. Es steuert viele Prozesse, die automatisch ablaufen, zum Beispiel:
- Atmung
- Herzschlag
- Verdauung
- Blutdruck
- Energieverbrauch
- Teile unserer Immunreaktion
Wir können es nicht einfach per Willenskraft kontrollieren – aber wir spüren sehr deutlich, wenn es aus dem Gleichgewicht gerät.
Aktivierung und Erholung
Innerhalb des autonomen Nervensystems gibt es vereinfacht gesagt zwei Richtungen:
Aktivierung
Der Körper wird auf Leistung, Reaktion oder Schutz vorbereitet. Herzschlag, Anspannung und Wachheit steigen. Viele kennen das als Fight-or-Flight.
Erholung
Der Körper schaltet in Richtung Regeneration. Verdauung, Heilung, Schlaf und innere Ruhe werden eher möglich. Das ist Rest-and-Digest.
Beides ist wichtig. Wir brauchen Aktivierung, um auf Herausforderungen zu reagieren. Und wir brauchen Erholung, damit der Körper sich wieder sammeln, reparieren und Kraft aufbauen kann.
Ein „gesundes“ Nervensystem ist nicht immer ruhig.
Es ist flexibel. Es kann zwischen diesen Zuständen wechseln.
Wenn das System nicht mehr richtig zurückschaltet
Unter anhaltendem Stress, Krankheit, Schlafmangel, Überforderung oder belastenden Lebensphasen kann es passieren, dass das Nervensystem sensibler wird.
Dann reagiert es schneller.
Stärker.
Und manchmal auch auf Dinge, die früher kein Problem waren.
Rückblickend habe ich die ersten deutlichen Veränderungen bei mir schon nach der Geburt meines zweiten Sohnes gespürt. Danach hatte ich das Gefühl, dass mein Körper sich nicht mehr richtig erholt.
Das erste Jahr mit zwei Kindern war für mich ein ständiger Zustand der Überforderung. Die darauffolgende Lungenentzündung und die Entfernung eines Lymphknotens, um Krebs auszuschließen, haben sehr deutlich gezeigt, dass mein Körper aus dem Gleichgewicht geraten war.
Als später der Umzug nach Cambridge anstand, habe ich schon beim Packen gemerkt, dass mein Körper Belastung nicht mehr so leicht wegsteckt wie früher. Erschöpfung setzte schneller ein, und ich brauchte deutlich länger, um mich zu regenerieren.
Damals habe ich das noch nicht mit meinem Nervensystem in Verbindung gebracht. Heute kann ich vieles klarer einordnen.
Der Körper als Rauchmelder
Eine Metapher, die ich dafür hilfreich finde, ist die des Rauchmelders.
Unser Nervensystem funktioniert ein Stück weit wie ein Rauchmelder im Haus. Seine Aufgabe ist es, Gefahr zu erkennen und Alarm zu schlagen. Wenn es wirklich brennt, ist das lebenswichtig.
Aber Rauchmelder können empfindlich werden. Dann reagieren sie nicht nur auf Feuer, sondern auch auf angebrannten Toast oder heißen Wasserdampf.
Und ähnlich kann es dem Nervensystem gehen: Nach längeren Phasen von Stress, Krankheit, Erschöpfung oder Überforderung kann es anfangen, schneller Alarm zu schlagen.
Nicht, weil es „falsch“ arbeitet.
Sondern weil es versucht, uns zu schützen.
Das Ziel ist dann nicht, diesen Alarm einfach auszuschalten. Wir brauchen ihn ja.
Das Ziel ist eher, dem System langsam wieder Sicherheit zu vermitteln.
Chronische Erkrankung verändert die Beziehung zum Körper
Wenn man mit chronischer Krankheit lebt, verändert sich oft auch der Blick auf den eigenen Körper.
Solange der Körper scheinbar selbstverständlich funktioniert, überhört man vieles. Man steht auf, geht durch den Tag und geht davon aus, dass Energie, Konzentration und Belastbarkeit einfach da sind.
Chronische Krankheit verändert das. Plötzlich meldet sich der Körper häufiger. Deutlicher. Und manchmal sehr laut.
Fatigue tritt früher auf. Schmerzen werden präsenter. Stress zeigt sich vielleicht in der Atmung, in Muskeln, im Kopf, in der Verdauung – oder in einem diffusen Gefühl von Überforderung.
Am Anfang kann sich das vor allem frustrierend anfühlen, als würde der eigene Körper einen ständig ausbremsen.
Und gleichzeitig entsteht oft etwas anderes:
Man wird feiner im Wahrnehmen.
In der Wissenschaft nennt man das Interozeption – die Fähigkeit, zu spüren, was im Inneren des Körpers passiert.
Viele Menschen mit chronischer Erkrankung lernen diese Sprache notgedrungen sehr genau. Nicht, weil sie besonders achtsam sein wollen. Sondern weil sie müssen.
Und hier möchte ich etwas bewusst klarer sagen: Nicht jede körperliche Reaktion ist automatisch „nur das Nervensystem“. Bei chronischer Krankheit kommen oft mehrere Ebenen gleichzeitig zusammen – Entzündung, Schmerzen, Erschöpfung, Hormone, Belastung, Reize. Das Nervensystem ist dabei nicht die „Erklärung für alles“, sondern eher ein Teil des Gesamtbildes. Manchmal ein Verstärker. Manchmal ein Mitspieler. Manchmal schlicht derjenige, der am lautesten Alarm schlägt.
Woran ich merke, dass mein Nervensystem kippt
Im Alltag mit meinen Kindern merke ich mittlerweile ziemlich deutlich, wenn mein Nervensystem kippt und Überforderung einsetzt. Dann geht mir die Geduld viel schneller aus als an guten Tagen.
Gerade befinde ich mich in einem schweren Schub. Und egal, wie viel ich mich am Vormittag ausruhe – meine Energie reicht nachmittags oft trotzdem nicht, um allem gerecht zu werden.
Der Spielplatz ist dabei mein persönlicher Endgegner.
Nach der Schule sind dort 50 bis 100 schreiende Kinder, fliegende Bälle, überall Bewegung. Und mittendrin versuche ich, meine beiden Kinder nicht aus den Augen zu verlieren, die meistens jeweils an einem ganz anderen Ende des Spielplatzes beschäftigt sind.
Manchmal merke ich dann schon auf dem Weg zum Spielplatz: Mein Körper rechnet bereits. Nicht mit Zahlen – eher mit einem inneren Kassenbon. Dieses Geräuschlevel. Diese Wachsamkeit. Dieses gleichzeitige Aufpassen und Funktionieren. Ich weiß dann oft schon, bevor wir überhaupt angekommen sind: Das kostet mich später etwas. Vielleicht heute Abend. Vielleicht morgen früh.
Eigentlich weiß ich auch schon vorher, dass mein Nervensystem den Spielplatz nicht unbeschadet überstehen wird.
Und trotzdem möchte ich meinen Kindern nicht immer sagen, dass wir nicht hingehen können – besonders nicht, wenn das Wetter schön ist. Also versuche ich, es mir so angenehm wie möglich zu machen. Nicht perfekt. Aber irgendwie machbar.
Vielleicht ist genau das für mich inzwischen ein wichtiger Teil davon geworden: nicht immer alles vermeiden zu müssen, aber ehrlich anzuerkennen, was mich wie viel kostet.
Stress ist nicht nur psychisch
Was ich daran wichtig finde: Das Nervensystem reagiert nicht nur auf psychischen Stress.
Es reagiert auch auf körperliche Faktoren:
Entzündung, Schlafmangel, hormonelle Veränderungen, Schmerzen, Infekte, Blutzuckerschwankungen.
Auf Umwelt:
Lärm, Menschenmengen, Reizfülle, Unvorhersehbarkeit.
Auf Gedanken:
Perfektionismus, Grübeln, Verantwortung, innere Anspannung.
Und auf Soziales:
Konflikte, Care-Arbeit, fehlende Unterstützung, das Gefühl, allem gerecht werden zu müssen.
Gerade wenn chronische Erkrankung, Familienalltag, Erschöpfung und hohe Verantwortung zusammenkommen, ist es eigentlich sehr nachvollziehbar, dass ein Nervensystem sensibler reagiert.
Nicht schwächer.
Nicht falsch.
Nur belasteter.
Wie mein Körper Stress zeigt
Ich habe mich gefragt, wo ich Stress eigentlich als Erstes im Körper spüre. Und die ehrliche Antwort ist: Es ist nicht immer gleich.
Manchmal äußert es sich über Kopfschmerzen, die im Nacken beginnen und einseitig den Hinterkopf hochziehen – fast migräneartig.
Ich merke es auch, wenn sich mein Brustkorb verengt und schmerzt. Oder in meinem Rücken, in dieser Steifigkeit in Rücken und Knie beim Aufstehen.
Manchmal zeigt es sich anders: Ich merke, dass ich mich extrem konzentrieren muss, um nicht in Überforderung zu rutschen – und gleichzeitig fällt es mir dann schwer, ein Gespräch weiterzuführen.
Manchmal bin ich komplett in meinem Kopf gefangen, fast so, als würde ich mich innerlich zurückziehen, damit ich die Welt um mich herum nicht mehr so stark spüren muss.
Und manchmal habe ich das Gefühl, dass ich gleich umkippe oder mich vor lauter Übelkeit übergeben muss.
Es ist vielseitig. Und ich bin mir ehrlich gesagt nicht immer sicher, was davon direkt im Nervensystem passiert – und was meinem ganzen Strauß an Diagnosen geschuldet ist.
Aber vielleicht muss ich das nicht immer ganz genau auseinanderdividieren.
Vielleicht reicht manchmal schon die Erkenntnis:
Mein Körper zeigt mir, dass es zu viel ist.
Und auch wenn mich das manchmal frustriert, hilft es mir inzwischen, diese Signale ernster zu nehmen als früher.
Regulation statt Kontrolle
Lange habe ich eher versucht, meinen Körper irgendwie in den Griff zu bekommen. Heute fühlt sich Regulation für mich anders an.
Weniger nach Kontrolle.
Mehr nach Zusammenarbeit.
Was mir in solchen Momenten hilft, ist nicht spektakulär – aber oft sehr konkret:
- mein Gehstock, wenn mein Körper mehr Halt braucht
- ein dunkler Raum
- ruhige Musik
- Atem- und Beruhigungsübungen, zum Beispiel der Butterfly Hug oder längeres Ausatmen als Einatmen
- und an ganz schlechten Tagen manchmal einfach nur Schlaf, weil nichts anderes mehr möglich ist
Ich glaube, genau das ist ein wichtiger Unterschied: Regulation bedeutet nicht, dass wir immer alles wieder „hinbekommen“. Manchmal bedeutet es einfach nur, dem Körper das zu geben, was gerade überhaupt noch möglich ist.
Was ich lange ignoriert habe
Ich glaube, ich habe die Erschöpfung nach der Geburt meines zweiten Kindes lange ignoriert. Oder vielleicht nicht ignoriert – aber weggeschoben. Weitergemacht. Funktioniert. Wie so viele von uns.
Und vermutlich habe ich es mir damit schwerer gemacht.
Heute lerne ich noch immer, Hilfe anzunehmen. Pausen machen klappt inzwischen meistens recht gut. Beim Grenzen setzen darf ich noch besser werden.
Ich bitte mittlerweile auch mehr um Hilfe. Und trotzdem fällt es mir manchmal schwer, sie wirklich anzunehmen.
Nicht, weil ich denke, ich müsse alles alleine schaffen. Sondern oft eher, weil ich so frustriert darüber bin, dass mein Körper nicht so kann, wie mein Kopf gern möchte.
Auch das ist ein Teil dieses Weges. Nicht nur die Symptome. Sondern auch die Trauer, die Wut und die innere Reibung, die entstehen, wenn Kopf und Körper plötzlich nicht mehr selbstverständlich im Gleichklang sind.
Die sanfte Rebellion
Vielleicht passt dieses Thema auch deshalb so gut hierher, zu Die sanfte Rebellion.
Denn wenn wir anfangen, unserem Nervensystem wirklich zuzuhören, merken wir oft, dass es Dinge braucht, die in einer lauten, schnellen Welt nicht besonders gut zugänglich sind.
Pausen mitten am Tag.
Weniger Reize.
Langsamkeit.
Wiederholung, Sicherheit, Rückzug.
Und manchmal Hilfe.
Und darauf zu hören, fühlt sich manchmal tatsächlich wie eine Form von Rebellion an.
Nicht laut.
Nicht trotzig.
Nicht dramatisch.
Sondern eher wie eine leise Verschiebung: weg von ständigem Funktionieren – und hin zu mehr Verbundenheit mit dem eigenen Körper.
Jedes Mal, wenn wir eher Pause machen, bevor gar nichts mehr geht,
jedes Mal, wenn wir uns nicht über eine Grenze hinwegdrücken,
jedes Mal, wenn wir dem Körper glauben, statt ihn kleinzureden,
entscheiden wir uns ein Stück weit für diese sanfte Rebellion.
Nicht gegen das Leben.
Sondern an der Seite unseres Körpers.
Wenn mein Nervensystem sprechen könnte
Eine Frage, die mich selbst sehr berührt hat, war diese:
Was würde mein Nervensystem sagen, wenn es sprechen könnte?
Ich glaube, meins würde sagen, dass es hier ist, um mir zu helfen. Dass es mich schützen möchte.
Vielleicht würde es auch sagen, dass wir gemeinsam an neuen Strategien arbeiten können. Dass wir ausprobieren, üben und neu lernen dürfen.
Dass das kein starrer Ist-Zustand ist, der sich nie wieder verändert.
Sondern etwas, das sich entwickeln kann.
Etwas, das dazulernen darf.
Etwas, das nicht gegen mich arbeitet, sondern mit mir.
Und vielleicht würde es sagen:
Wir kriegen das gemeinsam hin.
Zum Schluss
Unser Nervensystem ist nicht unser Feind. Es ist ein System, das ununterbrochen versucht, uns sicher durch die Welt zu bringen.
Manchmal ist es erschöpft.
Manchmal überempfindlich.
Manchmal zu laut.
Aber nicht, weil es versagt.
Sondern weil es sehr lange sehr viel getragen hat.
Ein sensibles Nervensystem ist kein Fehler. Es ist ein System, das mehr wahrnimmt, mehr reagiert und manchmal auch mehr Fürsorge braucht.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas Wichtiges: nicht im Kampf gegen den eigenen Körper, sondern in dem vorsichtigen Versuch, seine Sprache besser zu verstehen.
Ich lerne das selbst noch.
Jeden Tag ein bisschen mehr.
Mein Umgang mit Gedanken ist nur ein Teil davon, wie ich mein Nervensystem inzwischen besser verstehen lerne. Unter Nervensystem & Regulation findest du weitere Texte über innere Alarmbereitschaft, Überforderung, Funktionieren und die kleinen Dinge, die mir helfen, wenn innen alles zu laut wird.
Wenn du magst, begleite ich dich auch zwischen den Texten.




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