Neulich blieb ein Satz aus unserem Podcast bei mir hängen: „Ich glaube, wir entscheiden uns für Liebe, wenn es kompliziert wird.“
Und ich habe gemerkt, dass dieser Satz etwas in mir ausgelöst hat. Vielleicht, weil Liebe für mich früher lange etwas ganz anderes war.
Früher war Liebe in meiner Vorstellung leicht
In meiner Vorstellung war Liebe vor allem etwas unglaublich Romantisches. Geprägt von Filmen wie Dirty Dancing oder Titanic. Von großen Gefühlen. Von diesem einen Moment, in dem es plötzlich „Bumm“ macht – und dann ist da die Liebe.
Und wenn es die richtige Liebe ist, dann bleibt sie: leidenschaftlich, leicht, selbstverständlich.
Rückblickend würde ich sagen, dass ich aus Filmen rein gar nichts über das echte Leben gelernt habe.
Ich dachte lange, wenn es richtig ist, dann fühlt es sich leicht an. Und ich glaube auch heute noch, dass sich ein Anfang leicht anfühlen darf. Aber ich glaube nicht mehr, dass es so bleibt.
Wenn zwei echte Menschen sich wirklich begegnen
Denn irgendwann passiert etwas: Zwei echte Menschen treffen wirklich aufeinander. Mit ihren Geschichten, ihren Mustern, ihren Prägungen und Glaubenssätzen.
Am Anfang sind wir oft noch vorsichtig, zurückhaltend, vielleicht auch ein bisschen idealisiert. Aber je mehr Zeit vergeht, desto mehr zeigen wir uns. Und mit diesem Sich-Zeigen kommen auch die Dinge, die nicht leicht sind: alte Muster, Ängste, Erwartungen.
Daraus entstehen Dynamiken. Und diese Dynamiken entscheiden auf Dauer oft mit darüber, ob eine Beziehung tragfähig ist – oder eben nicht.
Vielleicht beginnt Liebe erst dort
Heute habe ich einen anderen Blick auf Liebe. Ich glaube nicht mehr, dass sie nur dieses große Gefühl ist.
Ich glaube, dass echte Liebe vielleicht genau dann beginnt, wenn die Verliebtheit langsam leiser wird. Wenn der Blick klarer wird. Wenn wir anfangen, den anderen wirklich zu sehen – nicht die Version, die wir uns gewünscht haben, sondern den echten Menschen.
Und wenn wir dann sagen: Ich bleibe.
Dann wählen wir Liebe.
Wir wählen Liebe, wenn wir die Wahrheit sehen. Wir wählen Liebe, wenn es kompliziert wird. Und vielleicht erkennen wir Liebe manchmal genau daran, wie sich jemand verhält, wenn es schwer wird.
Die kleine Romantikerin in mir ist trotzdem noch da
Und trotzdem lebt sie noch in mir, diese kleine Romantikerin. Egal, wie selbstständig und reflektiert ich bin, gibt es einen Teil in mir, der sich manchmal wünscht, gesehen zu werden, gehalten zu werden, vielleicht sogar ein kleines bisschen gerettet zu werden.
Nicht im Sinne von Abhängigkeit. Eher im Sinne von: Ich muss nicht alles alleine tragen.
Und vielleicht ist das am Ende gar kein Widerspruch. Vielleicht ist es einfach menschlich.
Gefühle kommen – aber Bleiben ist etwas anderes
Das, was wir am Anfang spüren – diese berühmten Schmetterlinge – hat ja auch viel mit Biologie zu tun. Dopamin. Oxytocin. Neurochemie.
Anziehung passiert. Sie ist da oder sie ist nicht da.
Aber das Bleiben ist etwas anderes. Bleiben ist keine reine Chemie mehr. Bleiben ist eine Entscheidung.
Wenn das Leben schwer wird, wird es konkret
Beim Schreiben merke ich gerade, wie schwer mir dieser Text fällt. Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem es ehrlich wird.
Ich bin gerade in einem Schub. Mein Körper ist im Ausnahmezustand. Seit ein paar Tagen läuft eine neue Therapie, und gefühlt reagiert alles: Kälte, Schmerzen, Verdauung, Erschöpfung.
Dazu kommt dieser Zustand, den viele mit chronischen Erkrankungen kennen: Brain Fog. Dieses Gefühl, als wäre der Kopf in Watte gepackt. Gedanken sind langsamer, unklar, manchmal gar nicht richtig greifbar. Selbst einfache Dinge fühlen sich plötzlich anstrengend an.
Heute Morgen war schon die Dusche zu viel. Danach hatte ich das Gefühl, den Rest des Tages zu brauchen, um mich davon zu erholen.
Was kann Liebe eigentlich tragen?
An solchen Tagen denke ich nicht in großen Konzepten. Da denke ich ganz praktisch. Und manchmal auch ganz ehrlich.
Nimmt mir meine Krankheit Lebensqualität? Ja.
Muss mein Umfeld mehr tragen? Auch ja.
Und dann kommt diese Frage, die ich nicht so leicht beantworten kann: Kann Liebe das eigentlich tragen? Kann man einem anderen Menschen so etwas zumuten? Diese Dauerbelastung? Diese Ungewissheit?
Ich bin chronisch krank. Und selbst wenn ich Hoffnung habe, dass sich Dinge verbessern, ist das gerade ein Teil meiner Realität. Darf man erwarten, dass jemand das mitträgt?
Wir tragen alle etwas
Ich versuche auch, meinen Mann zu verstehen. Sein ADHS. Seine Themen. Das, was ihn bewegt und manchmal auch herausfordert.
Und ich merke, dass auch das Kraft kostet. Nicht immer. Aber manchmal.
Für mich fühlt es sich trotzdem anders an als eine körperliche Erkrankung. Vielleicht, weil sich körperliche Grenzen oft unmittelbarer anfühlen. Vielleicht aber auch, weil ich mir diese Unterscheidung selbst zurechtlege. Ich weiß es nicht ganz.
Was ich aber glaube: Wir tragen alle etwas. Der eine sichtbarer, der andere unsichtbarer.
Und vielleicht geht es in Beziehungen gar nicht darum, dass nichts schwer ist. Sondern darum, ob beide bereit sind, ein Stück davon mitzutragen.
Liebe beginnt nicht erst beim Anderen
Ich glaube aber auch, dass Liebe in einer Beziehung nicht nur zwischen zwei Menschen stattfindet. Sie hat auch immer etwas damit zu tun, wie wir uns selbst begegnen.
Selbstliebe bedeutet für mich nicht, mich immer gut zu fühlen oder immer bei mir zu sein. Es bedeutet auch nicht, alles an mir leicht annehmen zu können. Manchmal ist genau das ja schwer. Gerade dann, wenn der Körper nicht mitmacht, wenn Erschöpfung da ist oder wenn der eigene Selbstwert brüchig wird.
Vielleicht beginnt Selbstliebe eher da, wo ich mich nicht sofort ablehne, wenn ich nicht funktioniere. Wo ich mich selbst nicht nur dann für liebenswert halte, wenn ich stark, zugewandt oder belastbar bin.
Und ich glaube, das ist auch ein Teil von Beziehung. Dass wir uns selbst annehmen lernen – und uns gleichzeitig vom anderen lieben lassen. Dass beides nebeneinander stehen darf.
Denn natürlich kann Liebe von außen manchmal etwas auffangen. Sie kann erinnern, halten, mittragen. Aber sie kann auch nicht alles heilen. Nicht jeden Zweifel. Nicht jeden Einbruch von Selbstwert. Und vielleicht muss sie das auch gar nicht.
So wie eine Beziehung nicht jede Krankheit verschwinden lässt, kann sie uns trotzdem daran erinnern, dass wir mit dem, was da ist, nicht allein sind.
Vielleicht ist Liebe genau das
Ich bin ein romantischer Mensch. Ich glaube an die Liebe. Und ich glaube, ich werde das auch immer tun.
Auch wenn ich heute weiß, dass Liebe nicht alles lösen kann. Dass sie manchmal nicht reicht. Und dass sie nicht immer leicht ist.
Aber vielleicht ist Liebe auch gar nicht dafür da, alles leicht zu machen. Vielleicht ist sie dafür da, dass wir nicht alles alleine tragen müssen.
Und vielleicht reicht das schon.
Und vielleicht beginnt sie genau hier
Ich liebe mich. Mit allem, was ich mitbringe. Mit all dem Gepäck, das manchmal schwer ist.
Wobei auch das nicht bedeutet, dass ich immer in dieser Annahme angekommen bin. Eher, dass ich versuche, mir selbst nicht verloren zu gehen. Mich nicht erst dann für liebenswert zu halten, wenn alles ordentlich, gesund oder leicht ist.
Und ich glaube, dass Liebe genau da beginnt: nicht, wenn alles perfekt ist, sondern wenn wir ehrlich hinschauen – und trotzdem bleiben.
Ich freue mich auf das, was kommt. Auf die leichten Tage. Und auf die schweren. Und vielleicht auch darauf, immer wieder neu zu lernen, was Liebe eigentlich wirklich bedeutet.
Und wenn du Lust hast, noch ein bisschen weiter in dieses Thema einzutauchen: In unserer neuen Podcast-Folge sprechen wir genau darüber. Über Liebe und Muster, über Lust, über das, was zwischen Leichtigkeit und Tiefe entsteht – mit ein paar freudschen Versprechern, viel Lachen und auch den ehrlichen Momenten dazwischen.
Wenn du spürst, dass Krankheit etwas in Beziehungen verschiebt: Hier sind Texte über Nähe, Missverständnisse und Verbindung – auch im Unperfekten.
Wenn du magst, begleite ich dich auch zwischen den Texten.




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