Ich wusste, dass ich eine Grenze erreicht hatte – und bin trotzdem weitergegangen.
Auf unserer Städtereise nach Rom.
Sightseeing, leckeres Essen, viele Schritte, unebenes Kopfsteinpflaster. Viel Dankbarkeit für meinen Gehstock und für die helfende Hand meines Mannes. Aber auch viele Menschen, viele Reize, viel mehr Anstrengung, als ich mir vielleicht eingestehen wollte.
Schon nach dem ersten Tag habe ich gemerkt, dass diese Reise für mich eine Herausforderung werden würde. Weniger wegen der Strecke an sich, sondern wegen des Kopfsteinpflasters und der Menschenmengen. Ich musste mich viel mehr auf meinen Körper und auf jeden einzelnen Schritt konzentrieren, als wirklich meine Umgebung wahrzunehmen. Und das war manchmal traurig. So viele außergewöhnlich schöne Gebäude, kleine Boutiquen, so viel Atmosphäre – und ich war innerlich oft mehr damit beschäftigt, irgendwie stabil zu bleiben.
Am Flughafen auf der Rückreise ging dann plötzlich nichts mehr.
Kein Schritt. Kein klarer Gedanke.
Mein Körper hat einfach entschieden: Bis hierhin.
Und ich stand da, mitten zwischen all den Menschen, und konnte nicht mehr.
Schon im Taxi zum Flughafen habe ich gemerkt, dass etwas kippt. Ich habe alles versucht, um durch diesen Moment der Schwäche zu kommen. Ich habe auf meine Atmung geachtet. Aber es half nicht. Irgendwann hoffte ich nur noch, dass die Fahrt bald vorbei sein würde und mir das Durchatmen an der frischen Luft helfen könnte, wieder zu Kräften zu kommen.
Das war Wunschdenken.
Als ich aus dem Taxi stieg und wieder Boden unter den Füßen hatte, merkte ich sofort, wie wackelig ich auf den Beinen war. Ich griff mir direkt einen Koffer, um mich beim Laufen abzustützen. In dem Moment war noch Hoffnung da, dass es besser werden könnte. Diese Hoffnung wurde kleiner, als die Übelkeit, die Müdigkeit und die Kopfschmerzen stärker wurden. Und sie erstarb endgültig, als das Fieber dazukam.
Plötzlich war da diese Hitze auf der Haut, als müsste mein Gesicht dunkelrot glühen. Kurz darauf kam die Kälte. Der Schüttelfrost. Dieses Gefühl, dass der Körper gleichzeitig zu viel und gar nichts mehr kann.
Und das Einzige, was ich in dem Moment noch tun konnte – auch weil ich für diesen Tag bereits das Maximum an Schmerzmitteln genommen hatte – war, es über mich hinwegrollen zu lassen.
Ich habe mich warm eingepackt, mich hingesetzt und versucht, langsam zu trinken und etwas zu essen. Nach ungefähr zwei Stunden war diese Episode vorbei.
Zwei Stunden.
Und gleichzeitig steckt in ihnen so viel mehr als nur ein Zusammenbruch am Flughafen.
Wenn der Körper längst Nein sagt – und in dir trotzdem noch ein Ja ist
Es gibt diesen einen klaren Moment oft gar nicht.
Kein eindeutiges „Jetzt ist Schluss“.
Eher ein leises Verschieben. Tief in mir drin.
Ich spüre, dass etwas enger wird. Dass mein Körper langsamer wird. Dass etwas nicht mehr gut ist. Und trotzdem gehe ich noch einen Schritt. Noch ein bisschen. Das geht schon noch.
Bis es eben nicht mehr geht.
Vielleicht ist genau das das Schwerste: dass Grenzen sich nicht immer wie Grenzen anfühlen. Manchmal fühlen sie sich eher an wie etwas, das man noch kurz überreden kann. Wie etwas, das man mit gutem Willen, mit Zusammenreißen oder mit Hoffnung vielleicht noch ein Stück verschieben könnte.
Da ist dann dieses Spannungsfeld:
Ich kann nicht mehr – aber ich will noch.
Und ich glaube, dass viele von uns diesen Moment kennen. Nicht nur auf Reisen. Nicht nur mit chronischer Krankheit.
Auch im Alltag.
Du sitzt bei der Arbeit, der Kalender ist längst voll, und dann kommt noch eine wichtige Aufgabe dazu. Eigentlich ist da kein Platz mehr. Und trotzdem sagst du: „Ja, ich mache das noch.“
Oder du kommst erschöpft nach Hause, willst eigentlich nur noch in bequeme Kleidung schlüpfen und still werden. Und dann schreibt dir eine Freundin, die gerade in einer Krise steckt. Also gehst du doch noch los, obwohl deine eigenen Batterien längst leer sind.
Solche Momente wirken oft klein. Fast normal. Aber genau darin liegt ihre Macht: dass wir unsere Grenzen nicht immer spektakulär übergehen, sondern oft leise. Schnell. Nebenbei. Manchmal so selbstverständlich, dass wir es kaum bemerken.
Warum wir so oft weitermachen, obwohl es eigentlich schon zu viel ist
Warum bin ich in Rom weitergegangen, anstatt irgendwann einfach zu sagen: Ich gehe jetzt zurück ins Hotel?
Ein Teil davon war Trotz. Ich wollte selbst sehen, wie weit ich gehen kann – im wahrsten Sinne des Wortes. Bewegung ist ja grundsätzlich gut. Und wahrscheinlich wollte ich auch nicht zu früh aufgeben.
Ein anderer Teil war das schlechte Gewissen.
Wir waren nicht nur mein Mann und ich mit den Kindern unterwegs, sondern auch noch Oma, Opa und Tante. Ich wollte mir nicht nehmen lassen, wenigstens zu versuchen, keine Belastung für die Gruppe zu sein. Mein Harmoniebedürfnis hat da ganz sicher mit hineingespielt.
Und vielleicht liegt genau darin etwas, das viele kennen:
dass wir nicht nur gegen eine körperliche Grenze anlaufen, sondern auch gegen innere Muster. Gegen den Wunsch, mitzuhalten. Gegen das schlechte Gewissen. Gegen die Angst, anderen zur Last zu fallen. Gegen das Gefühl, die Stimmung nicht stören zu dürfen.
Unsichtbare Krankheit und sichtbarer Zusammenbruch
Bei mir kommt noch etwas dazu: Man sieht es mir oft nicht an.
Meine Erkrankungen sind unsichtbar.
Und Unsichtbarkeit erzeugt Erklärungsdruck.
Verständnis entsteht oft erst dann, wenn es sichtbar schlimm wird. Wenn man es nicht mehr überspielen kann. Wenn der Körper so laut geworden ist, dass niemand ihn mehr überhören kann.
Am Flughafen waren die stärksten Gefühle für mich Scham und Hilflosigkeit.
Es war mir unglaublich unangenehm, dass dieser Moment der Schwäche so öffentlich war. Dass etwas, womit ich innerlich schon so lange kämpfe, auf einmal im Außen sichtbar wurde. Und da war diese Hilflosigkeit darüber, wie wenig ich tun konnte, um mich in diesem Moment selbst wieder zu stabilisieren.
Mit der Scham kam auch Frustration über den Kontrollverlust.
Ich glaube, genau das war so schwer: nicht nur, dass es mir schlecht ging, sondern dass ich diesem Zustand nicht mehr ausweichen konnte. Dass ich ihn nicht verstecken konnte. Dass andere ihn sehen mussten.
Und gleichzeitig ist genau das oft der Punkt, an dem sich etwas verändert.
Menschen in meinem Umfeld reagieren anders, wenn sie sehen, dass etwas wirklich nicht funktioniert. Sie sahen das Fieber, den Schüttelfrost, die einsetzende Müdigkeit. Und plötzlich war da mehr Fürsorge, mehr Hilfe, mehr sichtbares Kümmern.
Nicht immer. Nicht bei allen. Aber oft.
Es gibt auch die wenigen Menschen, die mir meine täglichen Herausforderungen ansehen, auch wenn sie nicht so sichtbar sind – und sie benennen. Dafür bin ich sehr dankbar.
Vielleicht ist auch das ein Teil des Problems:
dass Grenzen gesellschaftlich oft erst dann ernst genommen werden, wenn sie nicht mehr übersehbar sind.
Alte Muster sitzen oft tiefer als der eigentliche Anlass
„Alle anderen zuerst, dann ich.“
Ich merke oft erst, wie tief dieser Satz in mir sitzt, wenn mein Körper längst lauter geworden ist als ich selbst. Mein Harmoniebedürfnis kippt schnell in Überforderung. Und mein Wunsch, es für alle irgendwie gut zu machen, führt nicht selten dazu, dass ich mich selbst übergehe.
Das hat nicht nur mit Krankheit zu tun.
Es hat auch mit Prägung zu tun. Mit alten Mustern. Mit dem Gefühl, verantwortlich zu sein – für Stimmungen, für Ausgleich, für das Funktionieren im Miteinander.
Und irgendwann wird es schwer, noch zu unterscheiden:
Welche Erwartungen kommen wirklich von außen?
Und welche trage ich längst selbst in mir?
Denn nicht jeder Druck wird uns tatsächlich gemacht. Vieles haben wir verinnerlicht. Vieles klingt irgendwann wie die eigene Stimme, obwohl es vielleicht einmal anders begonnen hat.
Und trotzdem fühlt sich auch selbst gemachter Druck sehr real an.
Grenzen spüren ist nicht immer so einfach, wie es klingt
Es ist schwierig zu beschreiben, wie sich eine Grenze in mir anfühlt, bevor sie eskaliert.
Vielleicht auch deshalb, weil die Eskalation oft zeitversetzt kommt. Manchmal in der Nacht danach. Manchmal einen Tag später. Manchmal erst 48 Stunden später. Und manchmal merke ich erst dann ganz konkret, dass etwas zu viel war.
Trotzdem gibt es Signale.
Ich merke es nach Pausen daran, wie steif ich beim Aufstehen bin.
Ich merke es an dem Level an Schmerz, den ich beim Laufen empfinde.
Ich merke, wenn mein Körper nicht mehr mitgeht, auch wenn mein Kopf es noch gerne anders hätte.
Diese Signale schreien eigentlich nach Pause.
Und doch sind genau sie so leicht zu übergehen, solange noch ein Rest Hoffnung da ist. Solange man noch denkt: Vielleicht wird es gleich besser. Vielleicht geht es doch noch. Vielleicht lohnt es sich, jetzt noch weiterzumachen.
Vielleicht geht es nicht um Verzicht, sondern um andere Wege
Ich bin nicht bereit zu sagen: „Ich kann das nicht mehr.“
Aber ich möchte lernen, anders zu fragen:
Wie kann ich es noch machen – nur vielleicht auf eine andere Weise?
Auch bei Reisen.
Denn ja, manchmal taucht die Frage auf: Lohnt sich eine Reise noch, wenn man sie nicht mehr unabhängig erleben kann?
Ich glaube: ja.
Wenn wir mit einer anderen Erwartungshaltung herangehen. Wenn wir gut planen. Wenn wir Unterstützung nicht nur als Verlust lesen, sondern auch als Teil einer möglichen Form, Dinge trotzdem noch erleben zu können.
Vielleicht wäre Rom außerhalb der Saison leichter für mich gewesen. Weniger Menschen hätten mein Nervensystem vermutlich nicht so überlastet. Vielleicht hätte es mehr Pausen gebraucht, weniger Programmpunkte, mehr bewusste Entlastung. Vielleicht einen anderen Rhythmus.
Für mich ist das kein Aufgeben.
Es ist Anpassung.
Und vielleicht sogar Fürsorge.
Es geht nicht darum, mein Leben kleiner zu machen.
Es geht darum, ihm einen Rahmen zu geben, in dem ich wirklich noch vorkomme.
Wir leben in einer Welt, die das Übergehen fast bewundert
Vielleicht ist es deshalb auch so schwer, auf den eigenen Körper zu hören, weil wir in einer Gesellschaft leben, die Grenzüberschreitung oft mit Stärke verwechselt.
Mehr leisten. Mehr schaffen. Mehr aushalten.
Dranbleiben. Durchziehen. Nicht so empfindlich sein.
Viele von uns haben gelernt, dass Anpassung belohnt wird. Dass Funktionieren Sicherheit gibt. Dass der Mensch, der weitermacht, der verlässlichere, stärkere, anerkennenswertere Mensch ist.
Aber was, wenn genau darin etwas grundlegend schiefläuft?
Was, wenn wir nicht daran scheitern, dass wir zu wenig leisten – sondern daran, dass wir uns zu lange von uns selbst entfernen?
Ich denke dabei oft an jüngere Menschen, die viel klarer benennen, dass Arbeit nicht alles ist. Dass sie nicht bereit sind, ihr ganzes Leben nach Produktivität auszurichten. Und je länger ich darüber nachdenke, desto weniger wirkt das auf mich wie mangelnde Bereitschaft.
Sondern wie etwas sehr Klares.
Vielleicht sogar wie ein Gespür, das vielen von uns abhandengekommen ist.
Denn wofür arbeiten wir uns eigentlich so oft über unsere Grenzen hinaus? Für ein „Mehr“, das sich am Ende gar nicht mehr nach mehr Leben anfühlt?
Vielleicht ist mehr längst nicht mehr die Antwort.
Wieder lernen, den Körper früher zu hören
Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, die eigenen Grenzen perfekt zu kennen.
Vielleicht geht es zuerst darum, sie überhaupt wieder zu spüren.
Und dann darum, ihnen Stück für Stück mehr Raum zu geben. Nicht erst dann, wenn der Körper schreit. Sondern vielleicht schon dann, wenn er leiser wird. Wenn er sich zurückzieht. Wenn er langsamer wird. Wenn in mir dieses feine Verschieben beginnt.
Ich möchte darin besser werden.
Nicht erst zuzuhören, wenn mein Körper mich zum Stillstand zwingt.
Sondern früher.
Nicht perfekt.
Aber ehrlicher.
Nicht gegen ihn.
Sondern mit ihm.
Und wenn du das Thema lieber hören als lesen möchtest:
In der neuen Podcastfolge nehme ich dich noch ein Stück weiter mit in genau diese Gedanken – in das Spannungsfeld zwischen Wollen und Können, zwischen Funktionieren und Spüren.
Wenn du dich zwischendurch selbst verlierst: Hier sind Texte, die dich leise zurück zu dir begleiten – Schritt für Schritt, ohne Zielgerade.
Wenn du magst, begleite ich dich auch zwischen den Texten.




Kommentar verfassen