Frühling, chronische Krankheit und mein ganz eigenes Erwachen

Frühling in Cambridge

England ist ja für Regen, graue Wolken und den Wind bekannt, der gern über die Insel pustet. Wind haben wir hier tatsächlich oft. Im Winter und Herbst kann er extrem kalt sein. Im Frühling und Sommer dagegen empfinde ich ihn als angenehm. Und ich finde gar nicht, dass wir hier mehr Regentage haben als zum Beispiel in Hamburg, wo wir vor unserem Umzug nach Cambridge gelebt haben. Oft kommt der Regen nachts. Tagsüber haben wir nicht selten den schönsten Sonnenschein mit blauem Himmel, oder Sonne und Wolken wechseln sich ab.

So ein Tag ist auch heute.

Als ich vorhin auf dem Weg zu meiner nächsten Corona-Impfung war, habe ich mich an der milden Luft erfreut, an den Sonnenstrahlen, die versuchten, durch die Wolkendecke zu brechen, und an der Natur, die wieder zu neuem Leben erwacht. Seit letztem Jahr gehöre ich zur immungeschwächten Bevölkerung und bekomme deshalb inzwischen häufiger Impfungen.

Ich finde, diesem Moment, in dem alles frisch und hellgrün aussieht, wohnt ein ganz besonderer Zauber inne. Das zarte Grün der Frühlingsblätter bringt eine Sanftheit mit sich, die mich auch daran erinnert, dass ich sanft mit mir selbst sein darf. Wenn man innehält, spürt man diese leise Magie plötzlich überall: in der Luft, im Licht, im eigenen Körper.

Die Jahreszeiten erfüllen die Luft immer mit unterschiedlichen Gerüchen. Im Frühling merkt man zuerst, wie sie milder wird. Wie gut es plötzlich wieder tut, wenn der Wind durchs Haar fährt. Und dann ist da dieser Duft von Blumen — leicht, nicht aufdringlich — als würde er hinter der nächsten Ecke schon ein buntes Beet in zarten Pastellfarben versprechen.

Diese weichen Farben erinnern mich daran, dass das Leben immer wieder erwacht. Und dass Schönheit immer wieder zu finden ist. Selbst in Zeiten, die sich aussichtslos anfühlen, bleibt da draußen doch die Schönheit der Natur.

Wenn ich also die Winterjacken mit unseren Übergangsjacken ersetze, weiß ich: Der Frühling ist eingezogen. Und in diesem Jahr erfüllt mich das wirklich mit Vorfreude auf all das, was in den nächsten Wochen und Monaten vielleicht auch innerlich wieder mit einziehen darf.

Was in mir wieder in Bewegung kommt

Ich spüre in diesem Frühling ganz deutlich, dass auch in mir etwas zurückkommt. Nicht nur draußen beginnt etwas neu. Auch in mir wird es heller.

Inspiration fließt wieder leichter. Die Motivation zum Schreiben erwacht neu. Ich erfahre diesen Fluss so deutlich, dass es mir in den Fingern kribbelt, all die Ideen in meinem Kopf zu Papier zu bringen. Schreiben gibt mir im Moment so viel. Es erfüllt mich. Und egal, wo ich hinsehe, finde ich neue Gedanken, neue Verbindungen, neue Impulse.

Viele davon schreibe ich zwischendurch auf. Andere bleiben so präsent in meinem Kopf, dass sie erst dann wieder ruhiger werden, wenn ich sie in einem zusammenhängenden Text niedergeschrieben habe und ihnen damit den Raum gebe, den sie gerade einfordern.

Vielleicht ist das auch ein Teil meines Frühlings: dass nicht nur die Welt draußen wieder heller wird, sondern auch etwas in mir. Dass ich wieder deutlicher spüre, was in mir lebendig ist. Was Ausdruck sucht. Was nach draußen möchte.

Eine neue Version von mir

Und so begegnet mir in diesem Frühling auch eine neue Version von mir selbst.

Da gibt es die offensichtlichen Veränderungen, wie 20 Kilo Gewichtsverlust seit dem Frühling 2025. Und wenn ich an schlechteren Tagen mit meinem Gehstock unterwegs bin, wird auch diese Veränderung sichtbar. Wobei das natürlich noch längst nicht in seiner ganzen Tiefe offenbart, womit ich kämpfe, wenn der Gehstock an meiner Seite ist.

In mir drin hat sich noch viel mehr verändert. Und es gibt so vieles, das nach draußen möchte. Neue Erkenntnisse. Dinge, die ich über das vergangene Jahr gelernt habe. Neu gewonnenes Mitgefühl mir selbst gegenüber, aber auch anderen. Meine Schreibprojekte möchten Raum bekommen, aber auch unser neuer Podcast. Zeit mit lieben Menschen, vor allem mit der Familie. Sinn. Unendliche Liebe für die Menschen in meinem Leben und für das Leben selbst.

Ich merke gerade stark, dass Dinge in mir zurückkommen, die ich verloren glaubte. Als ich damals in die Mutterrolle schlüpfte, hatte ich mit der Zeit das Gefühl, mich selbst langsam zu verlieren. Und nun stelle ich fest, dass einige Teile dieser Nina ihren Weg zurück zu mir gefunden haben. Das fühlt sich an wie ein Ankommen. Ein Ankommen zu Hause.

Ich könnte diesen Text noch lange mit all den Dingen füllen, die ich in mir trage, die gerne raus und gehört werden möchten. Und ist es nicht wundervoll, zu spüren, was alles in uns ist? Was gehört werden möchte. Was bereit ist, erste Schritte ins Außen zu machen.

Es ist doch so, dass wir immer wieder neu anfangen dürfen. Das ist nicht nur zum Jahreswechsel möglich, sondern jederzeit. Du darfst deinen Lebensweg immer wieder neu mitgestalten.

Vielleicht ist genau das auch das Spannende am Leben.

Manchmal liegen neue Wege weit außerhalb unserer Komfortzone. Für mich wird es gerade dort spannend. So auch mit dem neuen Podcast, den ich mit meiner Freundin Angie mache.

Nach den ersten Folgen würde ich leise sagen, dass ich mich langsam damit anfreunde und mich darin wohlfühle. Auch wenn immer wieder Nervosität dabei ist, fühlt es sich richtig an, was wir damit in die Welt tragen möchten.

Und vielleicht ist genau das auch ein Teil meines Frühlings in diesem Jahr: dass ich mich vorsichtig an Neues heranwage. Dass da wieder Raum ist für Ideen, für Kreativität und für das, was in mir nach draußen möchte.

Die Gespräche mit Angie sind für mich zu einer neuen Quelle der Inspiration geworden. Sie bringen Gedanken in Bewegung, lassen neue Perspektiven entstehen und schenken auch meinem Schreiben neue Tiefe. Dafür bin ich sehr dankbar.

Mein Körper und sein eigener Rhythmus

Was der Frühling in diesem Jahr außerdem für mich bedeutet: Er zeigt mir, dass wir uns in einem ständigen Kreislauf befinden. Die Natur erwacht, und sie hält auch ihren Winterschlaf. So empfinde ich es inzwischen auch mit meinem Körper.

Schübe sind meine Art von Winterschlaf geworden.

Und auch wenn ihr Verlauf nicht dem der Jahreszeiten ähnelt, empfinde ich das Abschwächen eines Schubs und beschwerdeärmere Tage als meinen persönlichen Frühling. Dann sehe ich wieder Möglichkeiten. Dann fasse ich den Mut, mich an neue Dinge heranzutasten.

Die Jahreszeit lädt ein. Aber der Körper folgt nicht immer. Und trotzdem kann es sie geben: diese kleinen Frühlingstage. Tage, an denen sich etwas leichter anfühlt. Tage, an denen wieder ein wenig mehr möglich ist. Nicht in dem Sinn, dass plötzlich alles gut wäre. Aber so, dass ich wieder etwas deutlicher spüre, dass da noch Leben ist, das sich bewegen möchte.

Früher, vor meinen Diagnosen, gab es vielleicht mal einen guten Tag zwischendrin. Ansonsten habe ich jeden Tag eher als Kampf empfunden. Jetzt hat sich manches so weit beruhigt, dass es auch mal einige gute Tage oder sogar gute Wochen gibt. Und genau diese Zeiten erlauben mir, Dinge zu testen, die ich lange nicht mehr gemacht habe.

Wie zum Beispiel die Reise nach Rom.

Auch wenn sie vielleicht nicht so verlaufen ist, wie ich es mir gewünscht hätte, habe ich dort doch wichtige Informationen darüber bekommen, was in Zukunft noch möglich ist und was ich vielleicht anpassen muss. Entscheidend ist für mich nicht nur, was nicht geht, sondern auch, wie sich Möglichkeit heute zeigt.

Es sind vielleicht nicht dieselben Spielräume wie früher. Aber es sind neue, echte Spielräume. Kleinere vielleicht, aber bewohnbar. Und gerade deshalb kostbar.

Anders als früher ist auch, dass ich heute viel mehr bei mir bin. Ich bin zu einer besseren Zuhörerin geworden — mir selbst gegenüber. Ich spüre klarer, was da ist. Und ich kann Dinge, an denen ich noch arbeiten darf, inzwischen besser benennen.

Die Jahreszeiten folgen einem verlässlichen Rhythmus. Und ich finde, das hat etwas Beruhigendes. Es ist etwas, auf das man sich verlassen kann.

Mein Körper hat diese Verlässlichkeit verloren.

Frühling bedeutet für mich deshalb nicht mehr automatisch Energie. Mein Körper kann dieses Erwachen nicht immer einfach mitgehen. Und ich setze mich damit auch nicht unter Druck. Ich bin inzwischen an einem Punkt, an dem ich weiß, dass ich mir meine Übergänge so gestalten darf, wie sie für mich passen.

Und wenn es Tage gibt, an denen ich die Frühlingsenergie spüre und auch mitgehen kann, dann erfüllt mich das mit umso mehr Freude.

Mein ganz eigenes Erwachen

Meine Möglichkeiten sind vielleicht keine großen Sprünge mehr. Aber sie sind für mich kleine, echte Spielräume, die mich mit Freude erfüllen. Wie zum Beispiel der Podcast oder neue Schreibinspiration.

Das ist mein ganz eigenes Erwachen in diesem Frühling.

Vielleicht nicht spektakulär. Aber für mich unglaublich ehrlich. Einfach ich. Und vielleicht auch nicht mit großem Aufbruch verbunden, sondern eher mit einem vorsichtigen Wiedersehen. Mit einem Herantasten an das, was trotzdem noch möglich ist.

Frühling bedeutet für mich nicht mehr automatisch Aufbruch. Manchmal ist es eher ein vorsichtiges Wiedersehen mit mir selbst. Ein leises Zurückfinden zu Möglichkeiten. Ein inneres Erwachen, das nicht laut ist, aber ehrlich.

Vielleicht ist genau das mein Frühling in diesem Jahr.

Wie sieht dein Erwachen in diesem Jahr aus? Oder ist Frühling diesmal etwas ganz anderes für dich?

Wir alle befinden uns auf unterschiedlichen Lebenswegen. Und egal, wo du gerade stehst oder entlanggehst: Deine Situation und deine Gefühle dürfen Raum bekommen. Wenn du sie teilen möchtest, freue ich mich, von dir zu hören.


Wenn du dich zwischendurch selbst verlierst: Hier sind Texte, die dich leise zurück zu dir begleiten – Schritt für Schritt, ohne Zielgerade.


Wenn du magst, begleite ich dich auch zwischen den Texten.

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ÜBER MICH

Hi, ich bin Nina –
Mama von zwei Jungs, mit einem Körper, der seine ganz eigenen Regeln hat,
und deine Begleiterin bei Die sanfte Rebellion.

Ich stehe selbst noch mitten im Prozess – auf meinem Weg zurück zu mir, zu mehr Echtheit, innerer Ruhe und einem Leben, was sich wieder stimmig anfühlt.
Dieser Blog ist mein Raum, um zu teilen, zu lernen und zu wachsen. Ein kleines Stück Rebellion gegen das reine Funktionieren, gegen das permanente „Müssen“ – und für ein Leben, das sich wieder echt anfühlen darf.

Hier findest du ehrliche Reflexionen, sanfte Inspiration und kleine, alltagstaugliche Schritte, die dich dabei begleiten, wieder bei dir selbst anzukommen. Ohne Perfektion – aber mit ganz viel Herz.

Vielleicht bist du hier, weil du dich nach einem Ort sehnst, an dem du nicht zuerst erklären musst, warum du müde bist.
Ein Ort, an dem du nicht „besser werden musst“, um willkommen zu sein.

Die sanfte Rebellion ist für mich kein lautes Dagegen, eher ein Zurück:
zurück in den Körper, zurück in ein Leben, das sich für dich wahr anfühlt.
Und es ist ein Mit:
mit dir – und allem, was dazu gehört -auf einer Reise zurück zu dir selbst.

Ich schreibe neben dir.
Ohne schnelle Lösungen, ohne Druck. Eher wie eine leise Umarmung: da, wenn du sie brauchst.

Du darfst mitnehmen, was dich stärkt und den Rest hier lassen. Alles kann, nichts muss.

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