Vielleicht sind wir gar nicht vom Leben müde – sondern von der Anpassung
In unserem aktuellen Podcast hat meine Co-Hostin Angie einen Satz gesagt, der in mir nachgehallt hat:
„Vielleicht macht uns gar nicht das Leben müde – sondern die permanente Anpassung.“
Seitdem lässt mich dieser Gedanke nicht mehr los.
Weil ich glaube, dass da etwas sehr Wahres darin liegt.
Zumindest für mich.
Nicht das Leben an sich macht mich müde. Nicht unbedingt die Aufgaben, die Tage oder die Verantwortung. Was mich oft erschöpft, ist die Anpassung im Alltag. Das ständige Mitgehen. Das Reagieren. Das innere Mitschwingen mit allem, was um mich herum passiert.
Und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass viele Menschen um mich herum diese Müdigkeit auch kennen. Nicht nur als körperliche Erschöpfung, sondern als etwas Tieferes. Eine innere Müdigkeit. Ein Zuviel. Ein ständiges Unter-Strom-Stehen.
Für jede Person sieht das wahrscheinlich anders aus. Bei mir ist es oft die Anpassung an soziale Situationen, das Masking im Alltag, Social Media oder auch Reizüberflutung. Bei anderen ist es vielleicht der Dauerinput, das Funktionieren oder der Druck, allem gerecht zu werden.
Vielleicht ist die eigentliche Frage also gar nicht, ob das Leben zu anstrengend geworden ist.
Sondern ob wir uns darin selbst ein Stück weit verloren haben.
Früher war nicht alles leichter – aber manches war klarer
Ich glaube nicht, dass früher alles einfacher war.
Es gab andere Zwänge, andere Enge, andere Rollenbilder. Vieles war vorgegeben. Vieles war nicht frei.
Heute haben wir mehr Möglichkeiten. Mehr Spielraum. Mehr Wege, ein Leben zu gestalten, das zu uns passt. Und gleichzeitig hat diese Freiheit auch ihren Preis.
Denn wenn nicht mehr so viel vorgegeben ist, müssen wir vieles selbst entscheiden. Wer wir sein wollen. Wie wir leben wollen. Was richtig für uns ist. Und auch das kann unglaublich erschöpfend sein.
Heute scheint der Anspruch oft zu sein, viele Dinge gleichzeitig sein zu müssen:
erfolgreich,
emotional reflektiert,
attraktiv,
entspannt,
präsent,
produktiv,
gesund.
Unsere Generation ist nicht schwach. Ganz im Gegenteil. Ich erlebe sie oft als eine Generation, die bewusst hinschaut. Die nicht einfach alles weitergeben will, was sie selbst geprägt hat. Die verstehen, unterbrechen und anders machen möchte.
Aber vielleicht versuchen wir dabei auch, zu viele Rollen gleichzeitig zu erfüllen.
Wenn man den Raum immer mit scannt
Ich habe vor ungefähr zwei Jahren begonnen, mich intensiver mit meinen Kindheitsprägungen auseinanderzusetzen. Dabei wurde mir unter anderem bewusst, dass ich eine emotionale Entbehrungsprägung in mir trage, die bei mir zu Überanpassung und Verantwortungsübernahme für andere führt.
Und das merke ich bis heute sehr deutlich im Alltag.
Es ist gar nicht so, dass ich besonders konfliktscheu wäre. Ich bevorzuge nur Harmonie. Deshalb scanne ich oft automatisch den Raum. Ich nehme kleinste Verschiebungen wahr. Stimmungen. Spannungen. Das, was nicht gesagt wird. Ich merke schnell, wenn sich etwas verändert.
Wenn ich nur selten in solchen sozialen Situationen bin, ist das für mich nicht schlimm. Ich bin empathisch, und ich empfinde das nicht nur als Belastung. Ein wohlwollendes Miteinander ist etwas Schönes. Für alle Beteiligten.
Aber wenn solche Situationen über ein oder zwei Tage hinweg andauern, merke ich deutlich, wie viel Energie mich das kostet.
Dann wird aus Mitfühlen irgendwann ein Zuviel. Dann frisst dieses ständige Wahrnehmen und Mitregulieren Kraft.
Und ich lerne immer noch, mich solchen Situationen rechtzeitig zu entziehen, bevor es kippt.
Auch Schutz kann erschöpfen
Ein anderer Teil dieser Anpassung zeigt sich für mich im Umgang mit meinen Diagnosen.
Ich habe in den letzten Monaten noch einmal klarer verstanden, dass es Menschen gibt, die mit Krankheit und Einschränkung gut umgehen können – und andere, die es nicht können. Nicht aus Bosheit. Aber manchmal aus Überforderung, aus Unsicherheit oder aus einem Bedürfnis heraus, Dinge schnell einzuordnen.
Deshalb sage ich bei manchen Menschen oft ganz bewusst:
„Mir geht es gut.“
Nicht, weil das immer stimmt. Sondern weil ich bestimmte Kommentare nicht hören möchte. Weil ich mich nicht erklären will. Weil ich nicht ins Rechtfertigen geraten möchte.
Das ist an vielen Stellen ein Schutzmechanismus. Einer, den ich bewusst wähle.
Und trotzdem bleibt auch das nicht ohne Preis. Denn auch bewusst gewählte Anpassung kann anstrengend werden, wenn sie zu häufig nötig ist.
Wenn selbst bewusste Entscheidungen Energie kosten
Auch Social Media gehört für mich zu diesen Energiefressern.
Ich bin kein Fan davon. Und wenn es ohne gehen würde, wäre ich sofort dabei.
Aber gleichzeitig ist es mein großer Wunsch, mit meinen Worten möglichst viele Menschen zu erreichen. Also gehe ich diesen Weg bewusst. Nicht leichtfertig, sondern abgewogen. Ich teile ihn mir so ein, dass ich nicht in ein Energiedefizit rutsche.
Auch das ist eine Form von Anpassung – nur eben eine, die ich im Wissen um ihren Preis treffe.
Und dann ist da noch das Thema Reizüberflutung. Ich habe inzwischen ein recht gutes Gefühl dafür, was mein Nervensystem belastet. Aber manchmal passiert es trotzdem überraschend. Und in solchen Momenten angepasst bleiben zu müssen, weiter mitlaufen zu müssen, obwohl innen längst alles zu viel ist, kostet mich unglaublich viel Energie.
Vielleicht ist genau das der Punkt:
Nicht jede Anpassung ist falsch. Nicht jede Anpassung ist vermeidbar. Aber wenn sie dauerhaft wird, wenn sie automatisch wird, wenn sie uns immer weiter von uns selbst entfernt, dann erschöpft sie uns.
Vielleicht ist Freiheit kleiner, als wir denken
Freiheit ist so ein großes Wort. Aber vielleicht ist sie oft viel kleiner, als wir glauben.
Vielleicht geht es nicht zuerst um die radikale Veränderung. Nicht darum, das ganze Leben umzukrempeln. Nicht darum, ein komplett anderes Leben führen zu müssen.
Vielleicht beginnt Freiheit viel leiser.
Mit ehrlichen Entscheidungen.
Mit Entscheidungen, die zu dem Menschen passen, der wir wirklich sind. Nicht zu dem, was von außen gut aussieht. Nicht zu dem, was andere verstehen würden. Nicht zu dem, was man theoretisch alles schaffen könnte.
Sondern zu uns.
Ich habe nach meinen Diagnosen sehr bewusst entschieden, dass ich mein Leben mit so viel Leben wie möglich füllen möchte. Dass ich Dinge, die ich machen mag, nicht ewig aufschieben will. Dass ich innerhalb des Rahmens, der mir gegeben ist, trotzdem gestalten will.
Nicht irgendwann. Sondern jetzt, so gut es eben geht.
Eine große Entscheidung war für mich auch, meinen Ärzten zu vertrauen. Ich nehme meine Medikamente, und bisher hat jedes einzelne meine Lebensqualität verbessert. Vor zwei Wochen habe ich mit einer neuen Biologika-Therapie begonnen. Auch hier gehe ich diesen Weg mit Hoffnung.
Nicht, weil ich Kontrolle habe.
Sondern weil Vertrauen manchmal auch eine Form von Frieden ist.
Freiheit innerhalb von Grenzen
Vielleicht liegt genau darin etwas, das ich heute viel stärker spüre als früher:
Dass Freiheit nicht Grenzenlosigkeit bedeuten muss.
Wir alle leben in bestimmten Rahmen. Es gibt Dinge, die allgemein gelten, und es gibt die ganz persönlichen Grenzen, die das eigene Leben mit sich bringt.
Bei mir gehören meine Diagnosen dazu. Sie setzen einen Rahmen. Sie begrenzen manches. Sie machen manches komplizierter. Sie verlangen Rücksicht, Einteilung, manchmal Verzicht.
Und trotzdem empfinde ich heute in diesem Rahmen ein echtes Gefühl von Freiheit.
Weil ich aufgehört habe zu kämpfen, wo Kampf mich nur von mir entfernt.
Weil ich mich nicht mehr mit anderen vergleiche.
Weil ich mein eigenes Leben lebe, mit meinen eigenen Limitierungen, in meinem eigenen Tempo.
Und weil sich genau das inzwischen sehr stimmig anfühlt.
Ich bin immer wieder motiviert, neue Wege zu finden. Zu schauen, was möglich ist. Meinen Körper neu kennenzulernen. Dinge auszuprobieren. Nicht gegen mich, sondern mit mir.
Für mich fühlt sich Freiheit heute oft nach Frieden an.
Die kleinen Momente zurückholen
Es gibt noch etwas, das sich für mich sehr verändert hat:
Ich habe mir die kleinen Momente zurückgeholt.
Vor allem in der Zeit mit meinen Kindern.
Wenn ich beide auf dem Spielplatz anschubse, halte ich manchmal bewusst kurz inne, atme tief ein und aus und freue mich einfach, dass wir solche Momente miteinander erleben können.
Oder ich sitze da, während sie spielen, und merke:
Heute ist genug Ruhe im Morgen.
Genug Energie da.
Wir sind zusammen, ohne Streit, ohne Hektik.
Oder ich beobachte meinen Mann und meinen Großen, wenn sie gemeinsam am Klavier sitzen und Musik machen.
Im Alltag gibt es so viele dieser kleinen Szenen. So viel Leben, das leicht zu übersehen ist.
Und einfach nur innezuhalten und sie wirklich wahrzunehmen, empfinde ich als unglaublich wohltuend.
Ich glaube, wir verlieren diese Momente oft nicht, weil sie nicht da wären. Sondern weil wir innerlich woanders sind. Im Funktionieren. Im Sorgen. Im Vergleichen. Im Tunnel.
Das kenne ich selbst auch.
Als ich meine Diagnosen bekommen habe – und auch schon in der Zeit davor, als es mir so schlecht ging – habe ich mich sehr in Schmerzen, Informationen und Unsicherheit verloren. Ich hatte keinen klaren Blick mehr für diese kleinen, wertvollen Momente.
Heute weiß ich: Es geht nicht darum, immer alles perfekt zu machen. Es geht darum, zu merken, wenn man sich verliert.
Und dann vielleicht die Möglichkeit zu haben, wieder aufzutauchen.
Wann haben wir aufgehört, uns selbst zuzuhören?
Was ich besonders herausfordernd finde: Viele von uns haben sich so sehr an das Außen gewöhnt, dass sie gar nicht mehr genau spüren, was sie eigentlich mögen. Was sie brauchen. Was ihnen wirklich entspricht.
Dabei liegt genau darin so viel.
Denn wenn wir wieder anfangen, uns selbst zuzuhören, entsteht nach und nach ein inneres Wertesystem. Etwas, das trägt. Etwas, das Orientierung gibt. Und auf dessen Grundlage gute, ehrliche Entscheidungen überhaupt erst möglich werden.
Vielleicht beginnt das auch mit der Frage, was sich früher einmal frei angefühlt hat.
Bei mir waren das schon als Kind oft Bücher und Worte.
Ich habe Tagebuch geschrieben, Geschichten geschrieben und wollte immer Schriftstellerin werden. Dass ich heute diese Texte schreibe, hat mich mir selbst wieder ein großes Stück nähergebracht. Und vielleicht gibt es sie irgendwann sogar einmal in Form eines Buches. Dieser Gedanke freut mich bis heute.
Ich erinnere mich auch an diese besonderen Flow-Momente aus meiner Kindheit. Ich habe schon immer gerne gelesen und Bücher gesammelt. Ich liebte meine Bücherregale. Und als damals eine Software herauskam, mit der man eine digitale Bibliothek seiner Bücher anlegen konnte, bin ich komplett darin aufgegangen, alles zu sortieren, zu ordnen, aufzubauen.
Diese Art von Versunkenheit kenne ich auch heute noch.
Beim Puzzeln.
Beim Lego bauen.
Beim Basteln oder Malen.
Beim Stöbern in Buchhandlungen.
Ich könnte mich stundenlang in einem Thalia oder Hugendubel aufhalten.
Und vielleicht liegt auch darin ein leiser Hinweis auf uns selbst:
in dem, worin wir die Zeit vergessen.
In dem, was uns nicht leer macht, sondern sammelt.
Vielleicht beginnt Veränderung nicht mit einem Umbruch
Vielleicht müssen wir nicht unser ganzes Leben verändern, um wieder näher bei uns anzukommen.
Vielleicht beginnt es nicht mit einer radikalen Entscheidung.
Nicht mit einem großen Plan.
Nicht mit noch mehr Selbstoptimierung.
Vielleicht beginnt es viel stiller.
Mit einem ehrlichen Innehalten.
Mit einem kleinen Moment von Wahrnehmung.
Mit der Entscheidung, sich selbst wieder zuzuhören.
Und vielleicht auch mit einer Frage:
Wie würde sich ein Leben anfühlen, das sich wirklich nach dir anfühlt?
Wenn du noch ein bisschen tiefer in dieses Thema eintauchen möchtest, dann hör gern in unsere aktuelle Podcastfolge rein.
Episode 11 erscheint am 01. Juni 2026 überall, wo es Podcasts gibt.
Wenn du nach dem Schweren kurz Luft brauchst: Hier sind kleine Lichtinseln – Momente zum Atmen, ohne dass etwas gelöst werden muss.
Wenn du magst, begleite ich dich auch zwischen den Texten.




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