Oder ist es doch eine Midlife-Crisis?
Ich dachte immer, die kommt erst mit 50. Wenn ich mir ein sexy Sportauto kaufe und meinen Ehemann gegen ein jüngeres Exemplar austausche. Wenn ich das so schreibe, muss ich laut lachen. Denn die Krise, in der ich gerade stecke, könnte von diesem Bild kaum weiter entfernt sein.
Natürlich erlebe auch ich Freude am Fahren. Aber es könnte mir inzwischen kaum gleichgültiger sein, in welcher Automarke ich das tue. Ich bin mit Statussymbolen aufgewachsen. Heute bedeuten sie mir nicht mehr viel. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich in letzter Zeit immer wieder an meine Disney-Schneekugeln denke.
Von Schneekugeln und früheren Versionen von mir
Sie stehen noch immer in unserer Garage. Vor etwa 25 Jahren habe ich sie mit großer Leidenschaft gesammelt. Damals war ich außerdem fest davon überzeugt, dass die alten Disneyfilme genau die Art von Abenteuer und Romantik vermitteln, die es auch im richtigen Leben geben sollte. Heute möchte ich manche davon noch nicht einmal mehr mit meinen Kindern schauen, weil ich vieles darin ganz anders sehe.
Und trotzdem liebe ich diesen Disney-Zauber noch immer. Ich liebe die Themenparks und kann es kaum erwarten, sie irgendwann mit meinen Kindern zu erleben. Offenbar kann beides gleichzeitig wahr sein: Ich kann etwas einmal geliebt haben und trotzdem merken, dass es heute nicht mehr zu mir passt.
Vielleicht ist deshalb auch die Zeit gekommen, mich von den Schneekugeln zu trennen. Noch einmal werde ich sie jedenfalls nicht umziehen. Und während ich darüber nachdenke, merke ich, dass sie für mich inzwischen für etwas Größeres stehen. Für eine frühere Version von mir. Für einen Teil meiner Identität, an dem ich vielleicht noch festhalte, obwohl er längst nicht mehr so richtig zu meinem heutigen Leben passt.
Wer bin ich, wenn das Alte nicht mehr funktioniert?
Da war diese Nina mit einer beachtlichen Karriere in tollen Unternehmen, die zuletzt ein sechsstelliges Gehalt verdient hat. Eine Nina, die immer geleistet hat. Eine, die ziemlich zuverlässig alle anderen an die erste Stelle gesetzt hat, bevor sie sich irgendwann um sich selbst kümmerte. Eine, die glaubte, ihre Emotionen über Essen ganz gut in den Griff bekommen zu haben. Eine Nachteule. Eine, die viel schaffen konnte.
Und vermutlich liegt genau hier ein Teil meines Problems: Im Grunde funktioniert heute fast nichts mehr so wie früher.
Ich gehe inzwischen mit den Kindern oder spätestens gegen 22 Uhr ins Bett. Mache ich das einige Nächte nicht und stehe morgens trotzdem zur gleichen Zeit auf, bekomme ich die Rechnung ziemlich unmittelbar von meinem Körper präsentiert. Alles, was Energie braucht – egal ob Kochen, Wäsche, tatsächliche Arbeit oder irgendein anderes Projekt –, versuche ich möglichst am Vormittag zu erledigen. Denn spätestens wenn die Kinder aus der Schule nach Hause kommen, ist ein großer Teil meiner Energie aufgebraucht.
Und dann beginnt der zweite Teil des Tages.
Mein Körper hat inzwischen seine eigenen Pläne
Manchmal kündigt sich am Nachmittag eine Migräne an. An anderen Tagen ist es die Übelkeit, die mich seit Beginn meiner neuen Therapie begleitet. Wenn sie richtig einsetzt, zwingt sie mich wortwörtlich in die Knie. Dann liege ich wegen der Bauchkrämpfe zusammengerollt auf dem Boden, kann nichts essen und wünsche mir eigentlich nur, dass es wieder vorbeigeht.
Und dann gibt es noch diese tägliche kleine Überraschungstüte namens Schmerzen. Mal sind es die Knie. Mal die Fersen. Gerne auch der Nacken oder der untere Rücken. Aktuell ist es mein linker Arm bis hinein in Hand und Finger. Das ist neu. Und weil meine Finger bisher weitgehend verschont geblieben waren, merke ich gerade besonders deutlich, wie sehr selbst vermeintlich kleine Veränderungen meinen Alltag beeinflussen können.
Das alles sind nur einige der Symptome, die mich begleiten. Natürlich kann ich versuchen, vorausschauend zu leben: meine Medikamente regelmäßig nehmen, früh schlafen gehen, Pausen einplanen und nicht sofort alles nachholen wollen, sobald ich einen guten Tag habe.
Letzteres fällt mir nach wie vor ausgesprochen schwer. Denn wenn mein Körper mich schon einmal lässt, möchte ein Teil von mir sofort losrennen und alles gleichzeitig machen.
Mein Körper sieht das regelmäßig anders.
Wenn Verlässlichkeit plötzlich etwas anderes bedeutet
Dieses Nichtwissen, wie der nächste Tag wird, macht mir auch die Frage nach Arbeit unglaublich schwer. Wie verspreche ich regelmäßige Leistung, wenn ich morgens selbst erst herausfinden muss, welchen Tag mein Körper heute für mich vorgesehen hat?
Ich arbeite manchmal selbstständig an Projekten und merke dabei immer wieder, wie gut mir diese Arbeit tut. Ich kann mich für Projekte begeistern. Ich habe Wissen, das ich gerne einbringen möchte. Ich mag es, mich in etwas hineinzudenken und etwas entstehen zu lassen. Aber ich habe auch gelernt, dass zeitlich begrenzte Projekte für mich gerade besser funktionieren. Danach brauche ich Zeit, um meine Batterien wieder aufzuladen.
Und selbst innerhalb eines solchen Projekts kann jederzeit ein Schub kommen, der plötzlich alles verändert. Gerade mit meinem eigenen Anspruch an meine Arbeit finde ich das unglaublich herausfordernd.
Meine Baseline ist heute einfach eine andere.
Diesen Satz kann ich inzwischen schreiben. Ihn wirklich zu akzeptieren, ist etwas anderes.
Vielleicht vermisse ich gar nicht nur die Arbeit
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich, dass mir gar nicht ausschließlich ein Beruf fehlt. Mir fehlt ein Raum in meinem Leben, in dem es einmal um andere Dinge geht. Nicht um das Mamasein, die Kinder, Termine, Verabredungen oder all das, was im Familienalltag organisiert werden muss. Und auch nicht um die Arbeit, die eine Ehe und ein gemeinsames Leben brauchen. Ein Raum, in dem andere Seiten von mir gefragt sind.
Vielleicht fehlt mir deshalb manchmal auch die Anerkennung, die mit beruflicher Arbeit so selbstverständlich verbunden sein kann. Care-Arbeit bekommt diese Anerkennung längst nicht immer. Vieles davon passiert einfach. Es muss bedacht, organisiert, erinnert und getragen werden – und gerade wenn es funktioniert, sieht kaum jemand, wie viel Arbeit eigentlich darin steckt.
Natürlich weiß mein Kopf, dass diese Arbeit wertvoll ist. Mein Gefühl hätte trotzdem manchmal gerne ein bisschen mehr Applaus.
Und ich vermisse das Gefühl, finanziell etwas beizutragen. Dabei geht es mir gar nicht so sehr darum, wieder die finanzielle Unabhängigkeit von früher zu haben. Es geht eher um dieses Gefühl: Ich trage auch auf diese Weise etwas zu unserem gemeinsamen Leben bei.
Dann gibt es noch diese kleinen Situationen, in denen Menschen erzählen, woran sie gerade arbeiten. Was in ihren Unternehmen passiert. Welche Projekte sie beschäftigen. Was sie beruflich machen. Ich möchte mitreden können. Und wenn dann die Frage kommt: „Und was machst du?“, merke ich, dass sie für mich längst nicht mehr so leicht zu beantworten ist wie früher.
Vielleicht klingt das banal. Für mich ist es das nicht. Denn hinter dieser Frage steckt eben auch ein Stück Identität. Die Frage danach, welchen Platz ich außerhalb meiner Familie einnehme.
Und genau diesen Platz kann ich gerade nicht so richtig benennen.
Ein Raum, der nach mir aussieht
Dabei sitze ich ausgerechnet jetzt in einem Raum, der mir vielleicht schon ein bisschen zeigt, wonach ich suche: mein Büro.
Ich komme gerne hierher. An kalten Tagen ist es warm und gemütlich. Es ist bunt und gefüllt mit Dingen, Bildern und Zitaten, die mir etwas bedeuten. Dinge, an die ich mich gerne erinnere. Worte, die mich motivieren. Kleine Teile meines Lebens, die ich selbst ausgewählt habe. Wenn ich mich hier umschaue, sehe ich ziemlich viel von mir.
Vielleicht wünsche ich mir genau das auch von meiner Arbeit. Einen Raum, der sich nach mir anfühlt. In dem ich mich mit Themen beschäftigen darf, die nichts mit meinen alltäglichen Rollen zu tun haben. In dem mein Wissen gefragt ist. In dem ich Ideen haben darf, mich begeistern darf und etwas entstehen kann, weil ich mich eingebracht habe.
Einen Raum, in dem ich das Gefühl habe, wirksam zu sein. Einen sinnvollen Beitrag zu leisten. Vielleicht sogar Menschen zu helfen.
Nicht unbedingt wieder genauso wie früher.
Aber auf eine Art, die zu der Nina passt, die ich heute bin.
Und was mache ich jetzt mit meinem Leben?
Genau an diesem Punkt lande ich allerdings immer wieder bei einer viel größeren Frage:
Was möchte ich eigentlich mit meinem Leben anfangen?
Selbst das Schreiben fällt mir aktuell zeitweise schwer. Dabei ist es etwas, das ich mir durchaus als Teil meiner Arbeit vorstellen könnte. Schreiben erdet mich. Es ordnet mein Chaos. Und wenn meine Texte irgendwann auch anderen etwas geben können, würde mich das sehr freuen.
Gleichzeitig entdecke ich erstaunlich zuverlässig alle Gründe, weshalb auch das nicht funktionieren könnte. Da ist zum Beispiel das Thema Sichtbarkeit. Ich weiß ziemlich genau, dass ich nicht bereit bin, alles dafür zu tun, damit meine geschriebenen Worte möglichst viele Menschen erreichen.
Und dann beginnt mein Kopf sofort wieder: Ist mein Wunsch danach vielleicht gar nicht groß genug? Bin ich hier richtig? Oder wartet irgendwo noch etwas anderes auf mich?
Ich habe darauf gerade keine Antwort. Je mehr ich versuche, Klarheit zu erzwingen, desto weiter scheint sie sich manchmal von mir zu entfernen.
Und ja, das macht mir Angst.
Vielleicht braucht nicht alles sofort eine Antwort
Ich sehe den Weg vor mir gerade nicht. Und ehrlich gesagt habe ich momentan auch nicht besonders viel Kraft, ihn intensiv zu suchen. Mir ist durchaus bewusst, dass manche Dinge sich erst entfalten müssen. Dass sie Zeit brauchen. Und Raum.
Raum habe ich gerade allerdings eher wenig. Es sind Sommerferien.
Während ich versuche, diesen Blogbeitrag zu formulieren, möchte mein Vierjähriger von mir, dass ich ihm beim Sitzen, Stehen und „Untersitzen“ zuschaue. Jetzt soll ich auch noch die Augen schließen.
Wer weiß.
Vielleicht hilft mir das ja tatsächlich dabei, ein bisschen mehr Klarheit zu bekommen.
Was ist eigentlich ein wertvoller Beitrag?
Denn einen Wunsch spüre ich trotz all dieser Unsicherheit ziemlich deutlich: Ich leiste gerne einen Beitrag. Wie dieser Beitrag in Zukunft aussehen kann, wird sich zeigen.
Was ich allerdings unglaublich schwer finde, ist die Tatsache, dass ich finanziell nicht mehr den gleichen Beitrag leisten kann wie früher – und nicht weiß, ob das irgendwann wieder möglich sein wird. Dabei übernehme ich so gut es geht vieles andere. Ich denke an Deadlines, Termine und all die Dinge, die eine Familie organisatorisch zusammenhalten. Ich manage, plane, kümmere mich um Bedürfnisse und trage einen großen Teil der Care-Arbeit.
Natürlich ist das Arbeit. Und trotzdem leben wir in einer Gesellschaft, in der sich diese Arbeit noch immer erstaunlich leicht unsichtbar anfühlen kann.
Vielleicht muss ich mich deshalb nicht nur von manchen Glaubenssätzen aus meinem Elternhaus lösen. Vielleicht darf ich auch einige gesellschaftliche Vorstellungen darüber hinterfragen, wann ein Mensch eigentlich „genug“ beiträgt.
Mein Kopf versteht das längst.
Mein Gefühl hinkt hinterher.
Da bleibt dieses leise: Ich bin nicht genug. Ich bin nicht richtig. Ich passe nicht hinein. Ich bin anders.
Und das Schwierigste daran ist vielleicht, dass ich mir diese Veränderung nicht ausgesucht habe.
Ich habe mich nicht entschieden, krank zu werden.
Zwischen Akzeptanz und dem Wunsch nach mehr
Ich habe mich aber irgendwann entschieden, mich selbst zu einer Priorität zu machen. Auch so ein Satz, dessen Bedeutung mein Kopf schon viel länger verstanden hatte als der Rest von mir. Natürlich wusste ich, dass Selbstfürsorge wichtig ist. Sie tatsächlich zu leben, habe ich erst gelernt, als mein Körper mir irgendwann kaum noch eine Wahl ließ.
Und auch heute gelingt mir das nicht immer besonders zuverlässig. Ich finde es noch immer schwer, eine Pause zu machen, bevor ich eine Pause brauche.
Vielleicht sitzt genau dort meine aktuelle Krise. Zwischen der Akzeptanz, dass die alte Form meines Lebens nicht mehr funktioniert, und dem Wunsch, trotzdem wirksam zu sein. Zwischen einer Nina, die ich sehr lange kannte, und einer Nina, die ich gerade erst kennenlerne.
Und vielleicht besteht meine Aufgabe gerade auch gar nicht darin, möglichst schnell herauszufinden, wer ich künftig sein werde. Vielleicht darf ich erst einmal schauen, welche Teile der alten Nina ich überhaupt zurückhaben möchte.
Denn nicht alles von ihr ist verschwunden. Die Begeisterung für Projekte ist noch da. Meine Neugier ist noch da. Der Wunsch, mein Wissen einzubringen, ist noch da. Das Schreiben ist noch da. Und dieses tiefe Bedürfnis, etwas Sinnvolles beizutragen, offenbar auch.
Vielleicht muss ich diese Dinge also gar nicht zurücklassen.
Vielleicht brauchen sie nur eine andere Form. Einen neuen Platz. Einen Raum, der zu meinem heutigen Leben passt.
Und vielleicht darf ich währenddessen auch schauen, was – wie meine Schneekugeln – nicht noch einmal mit umziehen muss.
Wenn du magst, begleite ich dich auch zwischen den Texten.




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