Manche Tage beginnen nicht leer –
sondern schon mit weniger.
Noch bevor der Wecker klingelt, ist da dieses leise Abwägen:
Was geht heute? Und was besser nicht?
Für Menschen mit chronischen Erkrankungen – und für viele Mütter – ist das kein Gedankenspiel, sondern Alltag.
Hier kann die Spoon Theory helfen, etwas Unsichtbares sichtbar zu machen.
Was ist die Spoon Theory?
Die Spoon Theory ist ein bildliches Modell, um den Energiehaushalt von Menschen mit chronischen Erkrankungen zu erklären.
Die Grundidee ist einfach – und gerade deshalb so kraftvoll:
Jeder Mensch startet mit einer begrenzten Anzahl an Löffeln pro Tag.
Jeder Löffel steht für eine Einheit Energie.
Aufstehen kostet einen Löffel.
Anziehen kostet einen Löffel.
Frühstück machen, Kinder versorgen, Termine koordinieren – alles kostet Energie.
Menschen ohne chronische Belastung merken diese Kosten oft nicht bewusst.
Sie greifen gedanklich einfach immer wieder in eine scheinbar unendliche Schublade.
Für andere ist diese Schublade klein.
Und manchmal schon am Vormittag leer.
Wenn die Löffel aufgebraucht sind
Sind die verfügbaren Löffel verbraucht, lässt sich nicht einfach „noch einer nehmen“.
Der Körper meldet sich – oft deutlich:
- Erschöpfung
- Schmerzverstärkung
- Reizüberflutung
- emotionale Überforderung
Nicht, weil man etwas falsch gemacht hat.
Sondern weil Grenzen erreicht sind.
Die Spoon Theory hilft zu verstehen:
Energie ist keine Frage des Wollens, sondern des Könnens.
Warum die Spoon Theory auch für Mütter so relevant ist
Auch ohne Diagnose leben viele Mütter im dauerhaften Minus.
Mental Load, Care-Arbeit, Verantwortung – oft ohne echte Pausen.
Die Spoon Theory kann hier etwas Entscheidendes verändern:
Sie erlaubt, die eigene Energie ernst zu nehmen.
Nicht alles, was „machbar“ aussieht, ist auch gut tragbar.
Nicht jede freie Minute ist automatisch verfügbar.
Gerade als Mama darfst du dir die Frage stellen:
Wofür möchte ich meine Löffel einsetzen?
Wie die Spoon Theory bei mir angekommen ist
Als ich zum ersten Mal von der Spoon Theory gehört habe, fand ich sie sofort spannend.
Gleichzeitig war sie für mich auch herausfordernd. Denn zu Beginn wusste ich ehrlich gesagt nicht, wie viele „Löffel“ eine Aktivität eigentlich kostet. Dieses Einschätzen musste ich erst lernen – und das hat Zeit gebraucht.
Was mir geholfen hat, war ein ganz praktischer Schritt:
Ich habe mir meine alltäglichen Routineaktivitäten aufgeschrieben und versucht, ihnen jeweils eine ungefähre Anzahl an Löffeln zuzuordnen. Und dann habe ich im Alltag beobachtet:
Wie fühle ich mich, wenn ich das alles erledigt habe?
Ist danach noch Energie da – oder bin ich bereits am Limit?
Und wie unterscheidet sich das an guten Tagen von den schlechten?
Heute zähle ich keine Löffel mehr im klassischen Sinn.
Aber ich wäge ab. Ich spüre hinein, ob ich eine Aktivität nicht nur irgendwie schaffe, sondern so, dass ich danach noch bei mir bin – mit einem halbwegs stabilen Nervenkostüm und ohne dass die Stimmung kippt.
So wie heute.
Die letzten Tage lagen hinter mir wie ein schwerer Schleier. Ein extrem starker Schub – so heftig wie schon lange nicht mehr. Zwei Tage, an denen ich fast nur gelegen habe. Heute ist der erste Tag, an dem mich die Schmerzen nicht mehr in die Knie zwingen. Sie sind noch da. Eigentlich sind sie fast immer da. Aber es sind Schmerzen, mit denen ich umgehen kann.
Ich wusste trotzdem: Heute muss ich langsam sein.
Die Kinder wollten mit mir zum Skatepark laufen. Und obwohl ich es mir gewünscht hätte, musste ich ehrlich sein – und Nein sagen. Ich wusste, dass es mich überfordern würde.
Jetzt sind sie mit Papa unterwegs, und ich sitze hier und schreibe diesen Text. Etwas, das mir gerade gut tut.
Und ja: Ich war traurig.
Und auch ein bisschen wütend auf meinen Körper, dass er nicht mitgekommen ist.
Irgendwann lernt man, auf den eigenen Körper zu hören – wenn man ihn besser kennengelernt hat. Mir hilft dabei auch ein Schlaftracker, der unter anderem meine Temperatur misst und mir eine grobe Idee davon gibt, wie viel Energie mir heute zur Verfügung stehen könnte.
Am Ende aber ist mein Körper immer die Instanz, die entscheidet.
Und ich höre zu.
Passt mir das immer? Nein.
Aber es sorgt dafür, dass ich dann, wenn ich bei etwas dabei bin, wirklich da sein kann.
Deine Löffel zählen – nicht aus Angst, sondern aus Selbstfürsorge
Die Spoon Theory ist kein starres System.
Sie ist eine Einladung zur Ehrlichkeit.
Ein paar sanfte Impulse:
- Priorisieren: Was ist heute wirklich wichtig – und was darf warten?
- Puffer einplanen: Nicht jeder Tag verläuft nach Plan.
- Energie für dich reservieren: Auch du bist kein „Restposten“.
- Nein sagen dürfen: Nicht jede Anfrage verdient einen Löffel.
Und vielleicht am wichtigsten:
Dein Wert misst sich nicht an der Anzahl der verbrauchten Löffel.
Eine sanfte Rebellion gegen das Funktionieren
Die Spoon Theory ist kein Rückzug aus dem Leben.
Sie ist ein anderer Umgang damit.
Ein leiser, aber klarer Widerstand gegen das permanente Über-die-Grenzen-Gehen.
Eine Entscheidung, den eigenen Körper nicht als Gegner zu sehen, sondern als Verbündeten.
Vielleicht ist genau das deine sanfte Rebellion:
Deine Energie zu schützen – nicht irgendwann, sondern jetzt.
Wenn du merkst, dass du oft über deine Löffel hinausgehst, findest du in meinem Werkzeugkoffer weitere Impulse, um wieder näher bei dir anzukommen.




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