Noch bevor ich selbst richtig wach bin, läuft mein Kopf schon los.
Während ich Brote schmiere und Gläser auf den Tisch stelle, sortiert er Listen, Wege, Uhrzeiten und Möglichkeiten. Heute Morgen bin ich müde aufgewacht, mit höchstens halb vollen Batterien. Und das an einem Tag, an dem einiges ansteht — nicht zuletzt ein Flug nach Deutschland.
Schon beim Frühstückmachen gehe ich im Kopf alles noch einmal durch: Ich muss meine Creme in der Apotheke abholen, die Rucksäcke der Kinder fertig packen, neue Kleidung für meinen Großen rauslegen, damit er nach der Schule schnell aus der Uniform schlüpfen kann. Und habe ich eigentlich alle wichtigen Dokumente eingepackt?
So habe ich oft das Gefühl, dass ein großer Teil meiner Energie schon verbraucht ist, bevor der Tag überhaupt richtig begonnen hat.
Was im Kopf mitläuft
Die meisten Dinge, an die gedacht werden muss, sind dabei unsichtbar. Es beginnt beim ständigen Mitdenken: Haben die Kinder überhaupt noch die richtige Größe im Schrank oder ist schon wieder alles zu klein? Haben wir ein Geschenk für den nächsten Kindergeburtstag? Wann ist der nächste Impftermin, wann müssen wir wieder zum Zahnarzt? Dazu kommt das emotionale Begleiten — der Kinder, oft auch des Partners. Und um all das überhaupt tragen zu können, müssen wir uns selbst immer wieder regulieren.
Ein großer Teil meines Tages findet deshalb in meinem Kopf statt. Ohne dass man ihn sieht.
Unsichtbare Arbeit ist selten laut. Sie zeigt sich nicht in fertigen Stapeln oder sauber abgehakten Listen, sondern eher in innerer Anspannung, in diesem Dauer-Mitdenken, in dem Gefühl, nie ganz fertig zu sein.
Wenn Energie nicht mehr selbstverständlich ist
Seit Krankheit in meinem Leben so viel Raum eingenommen hat, verändert sich diese Gleichung noch einmal. Vor den Diagnosen war mehr Energie da. Da lief ein Teil dieser unsichtbaren Arbeit einfach mit. Heute ist meine Energie begrenzt, und dadurch bekommt alles mehr Gewicht. Vielleicht sehe ich auch gerade deshalb klarer, wohin meine Kraft wirklich fließt — seit sie nicht mehr selbstverständlich da ist.
Mütter sind noch immer mit der Erfahrung konfrontiert, dass Care-Arbeit nicht als „richtige“ Arbeit gesehen wird. Sie ist unsichtbar, oft erwartet und gilt schnell als selbstverständlich, sobald man Kinder hat. Ich frage mich aber, warum das so oft mit Selbstaufgabe verknüpft ist.
Auch ich habe mich in meiner neuen Mutterrolle selbst verloren. Und auch meine Beziehung zur Erwerbstätigkeit hat sich grundlegend verändert. Erwerbsarbeit ist sichtbar, messbar und anerkannt. Care-Arbeit ist es oft nicht. Das wirkt auch in mir. Auch ich habe manchmal nicht wirklich das Gefühl, einen Beitrag zu leisten, wenn ich mich „nur“ um die Care-Arbeit kümmere.
Aber stimmt das wirklich? Oder spricht da in mir immer noch eine gesellschaftliche Erwartung, die längst überholt sein müsste?
Elternsein heute trägt mehr mit
Elternsein findet heute nicht im luftleeren Raum statt. Wir begleiten unsere Kinder nicht nur durch den Alltag, sondern durch eine Welt, die sich schnell verändert hat, lauter geworden ist und an vielen Stellen unsicherer wirkt. Auch das kostet Energie — selbst dann, wenn man es nach außen kaum benennen kann.
Dazu kommen Fragen, die im Hintergrund mitlaufen: Arbeit, Zukunft, gesellschaftliche Stabilität. Nicht immer sind sie laut. Aber sie sind da.
All das ist für mich kein rein gesellschaftlicher Gedanke. Ich spüre es ganz konkret in meinem Alltag.
Wir leben mit mehr Unsicherheiten. Wir tragen mehr. Und trotzdem wird oft erwartet, dass wir all das irgendwie nebenbei leisten. Vielleicht geht es dabei gar nicht in erster Linie darum, Care-Arbeit finanziell aufzuwiegen. Vielleicht geht es vielmehr um Anerkennung für das, was Mütter heute leisten. Und ich glaube auch, dass es viel verändern könnte, wenn die Mutterrolle im Teilzeit- oder Vollzeitjob wirklich mitgedacht und entlastet würde — nicht im Sinne von noch mehr Leistung, sondern im Sinne von tragbaren Bedingungen. Denn die Mütter, mit denen ich spreche, wollen oft arbeiten. Manchmal fehlt nicht der Wille, sondern die Unterstützung, um beides wirklich tragen zu können.
Vielleicht, weil wir gelernt haben, Produktivität vor allem dort zu erkennen, wo etwas sichtbar ist, Geld bringt oder sich messen lässt. Und vielleicht auch, weil Fürsorge so lange als selbstverständlich gegolten hat, dass wir selbst vergessen haben, wie viel Kraft sie jeden Tag kostet.
Nicht Zeit, sondern Kraft
Bei mir kommt erschwerend hinzu, dass es oft nicht einmal zuerst um Zeit geht, sondern um Energie. Zwei Stunden sind für mich nicht einfach zwei Stunden. Manche Dinge kosten mich sehr viel mehr Kraft, als man ihnen von außen ansieht.
Manchmal denke ich, Energie ist die eigentliche Währung meines Alltags. Nicht Zeit.
Zeit gibt es auf dem Papier manchmal genug. Aber Energie entscheidet darüber, was davon wirklich gelebt werden kann.
Es gibt Tage, an denen zwei freie Stunden vor mir liegen — und sich trotzdem nichts leicht anfühlt. Und dann gibt es Momente, in denen wenig Zeit da ist, aber genug Energie, um wirklich da zu sein.
Seit meine Energie nicht mehr selbstverständlich ist, treffe ich andere Entscheidungen. Nicht danach, was theoretisch möglich wäre, sondern danach, was sich innerlich tragen lässt.
Energie lässt sich nicht planen wie ein Termin. Sie ist leiser. Ehrlicher. Und manchmal auch kompromissloser.
Vielleicht ist genau das eine Wahrheit, die wir im Alltag so oft übersehen: Dass nicht alles, was wir schaffen könnten, auch das ist, was uns wirklich guttut.
Vielleicht liegt genau da für mich der eigentliche Unterschied: Ich plane meinen Alltag nicht zuerst in Stunden, sondern in Kraft.
Was ein Tag wirklich kostet
Ein Arzttermin ist für mich nicht einfach ein Termin. Er ist Organisation, oft auch emotionale Anspannung — besonders dann, wenn es um meine Krankheitsreise geht — und je nach Weg, Wartezimmer oder Reizdichte auch körperlich anstrengend.
Ein Kindergeburtstag macht den Kindern große Freude. Für mich ist er oft vor allem mit Reizüberflutung und körperlicher Erschöpfung verbunden.
Und auch ein ganz normaler Nachmittag kann mehr Kraft kosten, als er von außen vermuten lässt: wenn ich gleichzeitig Snacks reiche, Streit schlichte, an Wechselkleidung denke, eine Nachricht aus der Schule beantworte und versuche, meine eigene Erschöpfung nicht zu sehr in den Raum treten zu lassen.
Müde von dem, was ich halte
Manchmal bin ich nicht müde von dem, was ich getan habe, sondern von dem, was ich gehalten habe: die Stimmung in der Familie, Konflikte zwischen den Kindern, das Mitfühlen für alle, das ständige Zurücknehmen meiner selbst.
Und ganz ehrlich: Ich finde das manchmal sehr anstrengend. Manchmal macht es mich auch wütend, all das zu halten, ohne dass es wirklich gesehen wird oder Dankbarkeit dafür da ist. Nicht, weil ich diese Dinge nicht tun will. Sondern weil es weh tut, wenn etwas so viel Kraft kostet und gleichzeitig so wenig sichtbar ist.
Vielleicht erschöpft uns nicht nur, was wir tun, sondern auch, dass wir innerlich so selten ganz aus dem Dienst sind. Selbst Pausen sind oft keine echten Pausen, wenn der Kopf weiter organisiert.
Was sich verändert
Und gleichzeitig habe ich gelernt, dass wir es uns manchmal unnötig schwer machen, wenn wir Dinge tun, die ein inneres Nein in sich tragen. Ich merke inzwischen schneller, wenn ich innerlich gegen etwas ankämpfe.
Nicht immer kann ich das ändern. Aber oft hilft es mir, mich wieder mit meinem eigenen Warum zu verbinden.
Vielleicht müssen wir neu lernen, Wert nicht nur dort zu sehen, wo Leistung sichtbar wird, sondern auch dort, wo Leben getragen wird.
Ich kann nicht mehr alles. Ich gehe bewusster mit meiner Energie um. Und ich sehe klarer, was zählt. Meine Prioritäten haben sich verändert. Und es hilft mir, manches loszulassen.
Vielleicht beginnt Veränderung genau da: wo wir anfangen, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Wo wir nicht länger so tun, als koste Fürsorge nebenbei nichts. Und wo wir anerkennen, dass auch das, was niemand sieht, ein echter Beitrag ist.
Wenn du lieber Denkbewegungen liest als fertige Antworten: Hier sammle ich Texte, die noch unterwegs sind.
Vielleicht könnte auch dieser Beitrag zum Thema Energie interessant für dich sein:
Die Spoon Theory verstehen – Energie bei chronischer Krankheit einfach erklärt
Wenn du magst, begleite ich dich auch zwischen den Texten.




Kommentar verfassen