Sich selbst wieder näher kommen – über Identität, Wandel und innere Nähe

Wir haben in unserem aktuellen Podcast darüber gesprochen, wann in unserem Leben wir uns verloren haben. Und dann sagte Angie einen Satz, der in mir hängen geblieben ist:

„Ich glaube, ich hatte mich zuvor noch gar nicht gefunden.“

Seitdem beschäftigt mich diese Frage noch einmal anders. Nicht nur, ob wir uns irgendwann verlieren. Sondern auch, ob wir uns vorher überhaupt schon so gefunden hatten, wie wir es vielleicht dachten.

Ich habe früher oft geglaubt, dass es dieses eine Ankommen gibt. Diesen Punkt, an dem man endlich weiß, wer man ist. Und dann ist man dort. Fertig. Gefunden.

Heute sehe ich das anders.

Heute glaube ich eher, dass wir uns in verschiedenen Phasen unseres Lebens immer wieder neu finden. Dass Identität nichts Starres ist. Dass wir alte Rollen ablegen, in neue hineinwachsen, uns verändern, dazulernen, uns verlieren, uns wieder annähern. Nicht, weil mit uns etwas nicht stimmt. Sondern weil das Leben in Bewegung ist. Und wir mit ihm.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Frage, die unter all dem liegt:

Was passiert mit meinem Gefühl von mir selbst, wenn die Rollen, in denen ich mich getragen und versteckt habe, nicht mehr so funktionieren wie früher?

Wenn Rollen plötzlich nicht mehr tragen wie früher

Eine der tiefsten Erfahrungen damit war für mich das Mutterwerden.

Mutter werden zu dürfen, hat zuerst ein großes Gefühl von Dankbarkeit und Glück in mir ausgelöst. In der ersten Woche mit Baby zu Hause war ich einfach nur glücklich. Ich war ganz in diesem neuen Leben, ganz in diesem kleinen Wunder, ganz in dem Gefühl angekommen, dass etwas sehr Großes und sehr Kostbares begonnen hat.

Und dann kamen nach und nach andere Gefühle dazu. Nicht alle auf einmal. Nicht mit Wucht an einem einzigen Tag. Sondern in kleinen Schritten, über viele Monate hinweg.

Überforderung. Isolation. Hilflosigkeit. Verständnislosigkeit. Die Erfahrung körperlicher Grenzen, wie ich sie vorher nicht kannte. Immer nur ungefähr eine Stunde am Stück schlafen zu können, war für mich die absolute Folter. Dazu kamen gut gemeinte Ratschläge, die sich oft gar nicht gut anfühlten. Das Erleben, dass plötzlich jeder eine Meinung hat und vieles besser zu wissen scheint, auch wenn er oder sie noch nie in derselben Situation war.

Und dann war da noch etwas anderes: dieses Gefühl, plötzlich in einer Schublade zu landen. Als hätte ich von nun an einen Mamastempel auf der Stirn. Als wäre diese neue Rolle sofort sichtbarer als alles andere.

Dazu kam die Zerrissenheit. Wie soll ich je wieder etwas anderes priorisieren als dieses kleine Wesen? Wie soll ich jemals in meinen Job zurückfinden? Wer bin ich in all dem überhaupt noch?

Diese Gedanken und Gefühle kamen nicht gleichzeitig. Aber sie kamen. Und sie haben mich Stück für Stück von mir selbst entfernt.

Ich bin in dieser neuen Rolle als Mutter aufgegangen. Und gleichzeitig habe ich gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Alles drehte sich nur noch um das Baby. Ich hatte kaum Momente, in denen ich nicht in der Mama-Rolle steckte oder einfach mal wieder nur Nina sein durfte.

Ich glaube, als ich realisiert habe, dass etwas nicht mehr stimmig ist, war das kein plötzlicher Verlust meiner selbst. Eher ein innerer Bruch nach einer langen Zeit des Fremdwerdens. Eine neue Rolle hatte mein gesamtes Leben eingenommen. Und so selbstverständlich es für mich war, diese Rolle so gut auszufüllen, wie ich nur konnte, so sehr hat mich ihre Ausschließlichkeit auch erschreckt.

Vielleicht war genau das so schwer: Dass beides gleichzeitig wahr war. Dass ich dankbar war. Und mich trotzdem verloren fühlte. Dass ich in dieser Rolle Sinn erlebt habe. Und gleichzeitig Enge.

Das Mutterwerden hat mich nicht nur verändert. Es hat mein inneres Zentrum verschoben.

Wo ich vorher immer wieder Zeit gefunden hatte, meine Gedanken aufzuschreiben oder mich mit Themen zu beschäftigen, die mich interessiert haben, war dafür plötzlich kaum noch Raum. Ja, wenn das Baby schlief, war da manchmal theoretisch ein bisschen Zeit. Aber oft musste die Wippe in Bewegung bleiben, ich war zu müde für alles, und für tiefe Gedanken fehlte mir schlicht die Kraft.

Also griff ich zu Büchern. Zu Belletristik. Zu Geschichten, die mich für eine Weile in eine andere Welt entführten, ohne noch mehr von mir zu verlangen. Nichts Bahnbrechendes, nichts besonders Anspruchsvolles. Einfach etwas, das leicht genug war für einen müden Kopf.

Dass mein erstes Mamawerden auch noch mit dem Corona-Lockdown zusammenfiel, hat vieles sicher verstärkt. Ich habe in dieser Zeit Leichtigkeit, Spontanität und Freiheit sehr vermisst. Und ich glaube gleichzeitig, dass ich manches davon auch ohne Lockdown so empfunden hätte. Vielleicht nicht ganz so zugespitzt. Aber doch spürbar.

Früher hatte ich oft das Gefühl, ich bin ich, wenn ich mich mit Dingen beschäftigen kann, die mich interessieren. Wenn ich schreiben, reflektieren, nachdenken, sortieren kann. Das war nie nur ein Hobby für mich. Es war ein Zugang zu mir selbst.

Und genau dieser Zugang ist mir im Mutterwerden ein Stück weit weggebrochen.

Mit ihm verschwand nicht einfach nur freie Zeit. Es verschwand eine Selbstverständlichkeit, über die ich mir vorher vielleicht nie so viele Gedanken gemacht hatte. Ich konnte mir vorher relativ leicht Zeit nehmen, innehalten, mich mit mir selbst verbinden. Plötzlich war genau das nicht mehr einfach da. Und ich habe daran gemerkt, wie sehr ich es brauche.

Bis heute spüre ich: Wenn ich zu lange nicht geschrieben oder reflektiert habe, wächst die Entfernung zu mir selbst. Dann bin ich mehr in meinem Kopf gefangen. Dann sammeln sich Gedanken, die noch keinen Ort gefunden haben. Dann werde ich innerlich unruhig, enger, voller.

Die erste Zeit als Mama, und später auch die als frische Zweifach-Mama, hat mir deshalb etwas sehr Grundsätzliches gezeigt: Ich muss mir diese Zeit für mich nehmen. Nicht als Luxus. Nicht als hübsches Extra. Sondern weil ich mich sonst Stück für Stück verliere.

Ich brauche diese Zeit nicht, weil sie nett wäre. Ich brauche sie, um zu überleben.

Wenn ich dann die Zeit finde, mich hinzusetzen und zu schreiben, habe ich oft sehr klar dieses Gefühl: Ich bin ich.

Wie das Mutterwerden mein Gefühl von mir selbst verändert hat

Vielleicht liegt genau darin etwas, das ich erst mit der Zeit verstanden habe: Dass Rollen uns nicht nur tragen. Manchmal verstecken wir uns auch in ihnen.

Ich habe mich nicht nur in der Mutterrolle verloren. Ich bin auch in anderen Rollen oft sehr aufgegangen. Die Rolle als Arbeitnehmerin hat mir lange Halt gegeben. Ich komme aus einer Leistungsfamilie, und auch das Erklimmen der Karriereleiter, das Sammeln von Erfahrungen und bekannten Brands im Lebenslauf hat etwas in mir getragen. Vielleicht hat mich genau diese Rolle auch lange davor geschützt, mich mit meinen persönlichen Themen auseinanderzusetzen.

Auch in die Rolle der guten Freundin konnte ich mich gut flüchten. Denn solange ich für andere da war, musste ich mich nicht so sehr mit mir selbst beschäftigen.

Solange ich funktionierte, solange ich half, solange ich gebraucht wurde, musste ich meine Schwächen und Defizite nicht so deutlich spüren. Und vielleicht auch nicht die Einsamkeit, die in stillen Momenten oft da war. Ich habe mich früher oft so gefühlt, als würde ich nicht richtig in diese Welt passen. Als würde ich nie ganz zu einer Gruppe gehören.

Vielleicht war Beschäftigung deshalb lange auch eine Form von Schutz.

Ich habe nicht darauf gewartet, dass es still in mir wird. Ich habe diese Stille gefüllt. Mit Serien, Filmen, Büchern. Mit Themen, die ich spannend fand. Mit allem, was geholfen hat, mich nicht zu lange mit mir selbst auseinandersetzen zu müssen.

Heute ist das anders.

Heute begrüße ich diese Stille viel mehr. Nicht immer. Aber oft. Ich erlebe sie inzwischen als etwas Befreiendes. Als einen Raum, in dem ich mich selbst besser wahrnehmen kann. Als einen Moment, in dem ich einmal ehrlich abgleichen kann, ob ich noch auf einem Weg unterwegs bin, der sich für mich stimmig anfühlt.

Und genau daran merke ich auch, dass ich mir heute näher bin als noch vor zehn Jahren.

Ich merke es daran, wie ich mit meinem Körper umgehe. Wenn ich heute einen körperlich schlechten Tag habe, oft verbunden mit Brain Fog und dem Gefühl, auch gedanklich langsamer zu sein, dann erlaube ich mir einen Mittagsschlaf. Dann bleibt die Wäsche eben auch mal eine Woche liegen, wenn ich eine schlechte Woche habe.

Ich übergehe die Schmerzen meines Körpers nicht mehr so selbstverständlich wie früher, auch wenn es mir manchmal noch schwerfällt, Pläne zu ändern oder abzusagen.

Innere Nähe spüre ich heute oft genau dann am stärksten, wenn ich auf die Zeichen meines Körpers gehört habe. Wenn ich meine Grenzen nicht übergangen, sondern geachtet habe.

Was Krankheit mit Identität und Selbstbild macht

Auch Krankheit hat meine Identität verschoben.

Viele Dinge, die früher möglich oder selbstverständlich waren, gehen heute nicht mehr so. Durch meine Diagnosen habe ich neue Grenzen bekommen, einen neuen Rahmen. Und innerhalb dieses Rahmens musste ich erst einmal ausloten, wer Nina darin noch ist.

Nicht mehr lebbar war plötzlich die Version von mir, die immer durchgepowert hat. Die über die eigenen Grenzen gegangen ist. Die andere an erste Stelle gesetzt hat. Die sich nur schwer Zeit für sich selbst nehmen konnte. Die nicht gut um Hilfe bitten konnte.

Ja, Krankheit hat mir zunächst vieles genommen, das mir wichtig war. Vor allem die Selbstverständlichkeit, meinem Körper zu vertrauen. Die Autonomie über meinen Körper hat Risse bekommen. Am Anfang war ich oft wütend. Darüber, nie genau zu wissen, wie ein Tag werden würde. Welche körperlichen Probleme vielleicht auftauchen. Was gehen würde und was nicht.

Besonders schwer war für mich auch, dass ich nicht mehr alles mit den Kindern so machen konnte, wie ich es mir gewünscht hätte. Das hat mir sehr zugesetzt. Es hat ein Stück Vertrauen in meinen Körper kaputt gemacht, das ich bis heute wieder aufbaue.

Und gleichzeitig haben die Diagnosen auch etwas sichtbar gemacht.

Dass ich mich nicht gut genug um mich selbst gekümmert habe. Dass ich da achtsamer werden darf. Dass Zeit für mich, regelmäßige Pausen und ein bewussteres Leben für mich nicht verhandelbar sind.

Dafür bin ich heute sogar dankbar.

Nicht, weil Krankheit etwas Gutes wäre. Sondern weil sie mich ehrlicher mit mir selbst gemacht hat.

Trotz der Krankheit war ich nie bereit, alle Vorstellungen von mir selbst loszulassen. Ich möchte mit meinen Kindern reisen, lecker essen, schöne Dinge erleben. Und ich werde das auch tun. Vielleicht anders als früher gedacht. Vielleicht mehr angepasst an mich und meinen Körper. Aber ich bin nicht bereit, mein Leben nur noch kleiner zu denken.

Letztlich war es für mich oft sogar schwieriger, neue körperliche Grenzen anzunehmen, als die Veränderung meines Selbstbildes. Und auch heute hadere ich manchmal noch damit, wenn mir wieder eine neue Grenze aufgezeigt wird.

Warum ich heute besser weiß, wie ich zu mir zurückfinde

Aber ich kenne inzwischen Wege zurück.

Ich weiß heute besser, was mich trägt. Ich habe mich mit meinen Wegweisern beschäftigt, mit meinen Big Five for Life. Sie sind für mich keine starre Zielvorgabe mehr, sondern eher ein innerer Kompass geworden. Sie helfen mir, mich auf meinem Weg nicht zu weit von mir selbst zu entfernen.

Gerade in Krisen ist das unglaublich wertvoll.

Denn je mehr ich über mich lerne, desto mehr ruhe ich in mir. Und je mehr ich in mir ruhe, desto besser kann ich mit den Herausforderungen umgehen, die das Leben bereithält.

Vielleicht ist das für mich heute der eigentliche Unterschied zu früher: Nicht, dass ich mich nun endlich gefunden hätte. Sondern dass ich mich besser darin kenne, wie ich zu mir zurückfinde.

Ich glaube nicht mehr, dass es diesen einen Punkt gibt, an dem wir endgültig bei uns angekommen sind. Solange wir leben, verändern wir uns. Wir lernen. Wir wachsen. Wir verlieren alte Versionen von uns. Wir entwickeln neue. Wir geben Rollen ab, schlüpfen in andere hinein, sehen die Welt mit vierzig anders als mit dreißig und wahrscheinlich mit fünfzig noch einmal anders.

Vielleicht geht es deshalb gar nicht darum, sich ein für alle Mal zu finden.

Vielleicht geht es vielmehr darum, sich selbst immer wieder näher zu kommen. Sich Zeit zu nehmen. Hinzusehen. Sich nicht auszuweichen. Neue Seiten an sich kennenzulernen. Und sich zu erlauben, sich immer wieder neu zu erfinden.

Nicht gegen das Leben. Sondern mit ihm.

Und vielleicht liegt genau darin auch etwas Tröstliches: Dass wir nicht fertig sein müssen, um uns nah zu sein.

Wenn du tiefer in diesen Gedanken eintauchen möchtest, hör gern auch in unseren Podcast hinein. Dort sprechen wir noch einmal auf eine andere, gesprochene Weise darüber, wann wir uns verloren fühlen, was Identität für uns bedeutet und ob es dieses Sich-Finden überhaupt wirklich gibt.

Wenn du dich zwischendurch selbst verlierst: Hier sind Texte, die dich leise zurück zu dir begleiten – Schritt für Schritt, ohne Zielgerade.

Wenn du magst, begleite ich dich auch zwischen den Texten.

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ÜBER MICH

Hi, ich bin Nina –
Mama von zwei Jungs, mit einem Körper, der seine ganz eigenen Regeln hat,
und deine Begleiterin bei Die sanfte Rebellion.

Ich stehe selbst noch mitten im Prozess – auf meinem Weg zurück zu mir, zu mehr Echtheit, innerer Ruhe und einem Leben, was sich wieder stimmig anfühlt.
Dieser Blog ist mein Raum, um zu teilen, zu lernen und zu wachsen. Ein kleines Stück Rebellion gegen das reine Funktionieren, gegen das permanente „Müssen“ – und für ein Leben, das sich wieder echt anfühlen darf.

Hier findest du ehrliche Reflexionen, sanfte Inspiration und kleine, alltagstaugliche Schritte, die dich dabei begleiten, wieder bei dir selbst anzukommen. Ohne Perfektion – aber mit ganz viel Herz.

Vielleicht bist du hier, weil du dich nach einem Ort sehnst, an dem du nicht zuerst erklären musst, warum du müde bist.
Ein Ort, an dem du nicht „besser werden musst“, um willkommen zu sein.

Die sanfte Rebellion ist für mich kein lautes Dagegen, eher ein Zurück:
zurück in den Körper, zurück in ein Leben, das sich für dich wahr anfühlt.
Und es ist ein Mit:
mit dir – und allem, was dazu gehört -auf einer Reise zurück zu dir selbst.

Ich schreibe neben dir.
Ohne schnelle Lösungen, ohne Druck. Eher wie eine leise Umarmung: da, wenn du sie brauchst.

Du darfst mitnehmen, was dich stärkt und den Rest hier lassen. Alles kann, nichts muss.

Wenn du wissen möchtest, warum ich diesen Blog ins Leben gerufen habe, schau dich gern hier um.
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