Über Tarot als leisen Wegbegleiter
Tarot wird oft schnell als Hokuspokus abgetan.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum es mich nie ganz losgelassen hat.
Für mich liegt seine Kraft im Dazwischen. Dort, wo Logik nicht alles erklären muss – und Magie nichts beweisen will. Ein Grenzgang, der keinen Anspruch stellt, sondern Raum öffnet. Für innere Bilder. Für Fragen. Für Wahrheiten, die nicht laut sein müssen, um wirksam zu sein.
Ich nutze Tarot nicht, um die Zukunft vorherzusagen.
Ich ziehe Karten nicht, um Antworten im Außen zu finden.
Für mich ist Tarot ein Moment des Innehaltens. Eine Einladung, genauer hinzuschauen – auf das, was ohnehin schon da ist.
Wie alles begann
Als ich vor rund zwölf Jahren das erste Mal mit Karten in Berührung kam, habe ich Tarot genau so gesehen, wie viele es tun: als Zukunftsschau, als etwas Faszinierendes, aber auch irgendwie suspekt. Und trotzdem war da diese leise Anziehung.
Mein Einstieg war kein klassisches Tarotdeck, sondern ein Orakeldeck: Wisdom of the Oracle von Colette Baron-Reid.
Wunderschön gestaltete Karten, jede fokussiert auf einen Begriff, einen Zustand, ein inneres Thema. Dazu ein Begleitbuch der Autorin selbst. Keine festen Antworten. Stattdessen Impulse. Perspektiven. Fragen, die etwas in Bewegung brachten.
Ich habe dieses Deck sehr zu schätzen gelernt – und irgendwann kam die Frage auf, ob ein Tarotdeck mich vielleicht noch tiefer begleiten könnte. Nicht magischer. Sondern klarer. Strukturierter. Erdiger.
Der Tanz zwischen Logik und Magie
2017 zog dann mein erstes Tarotdeck bei mir ein: The Linestrider Tarot von Siolo Thompson.
Ein Glücksgriff – nicht zuletzt wegen des sehr ausführlichen Guidebooks, das mir einen neuen Zugang zu Tarot eröffnet hat.
In der Einführung heißt es sinngemäß, dieses Deck tanze an der Grenze zwischen Logik und Magie.
Was für eine wunderschöne Beschreibung.
Denn genau so erlebe ich Tarot bis heute:
Die Karten können viel über eine aktuelle Situation oder eine innere Frage erzählen. Was daraus entsteht, kann sich magisch anfühlen – muss es aber nicht. Vielleicht ist es einfach nur Klarheit. Oder Mut. Oder die Erlaubnis, einen nächsten Schritt zu gehen. Magie zeigt sich oft in sehr alltäglichen Momenten.
Tarot als Spiegel, nicht als Führung
Tarot gibt mir keine Antworten.
Aber es stellt oft genau die richtigen Fragen.
Bilder und Symbole sprechen nicht nur den Verstand an, sondern auch etwas Tieferes. Sie umgehen vertraute Gedankenschleifen und öffnen Räume, in denen neue Bedeutungen entstehen dürfen. Nicht die Karte ist klug – sondern das, was sie in mir berührt.
Gerade wenn mein Kopf laut ist oder das innere Chaos zu groß wird, hilft mir Tarot, Gedanken zu ordnen. Gefühle bekommen Struktur. Innere Prozesse werden greifbarer – ohne bewertet zu werden.
Auch in schwierigen Phasen meines Lebens, und im Umgang mit meinen Diagnosen, war Tarot für mich ein stiller Begleiter. Kein Versprechen. Kein Trostpflaster. Sondern ein Werkzeug, das mir geholfen hat, ehrlich hinzuhören und Entscheidungen zu treffen, die aus Bauch und Herz entstehen.
Mein ganz eigener Weg mit den Karten
Es gibt unzählige Arten, mit Tarot zu arbeiten. Legesysteme, Rituale, Regeln.
Ich glaube nicht an den einen richtigen Weg.
Ich habe für mich ein Layout gefunden, das meinem rationalen Gemüt entgegenkommt und mir gleichzeitig Raum für Intuition lässt. Ein Five-Card-Spread, der dem klassischen Aufbau ähnelt – und sich für mich doch ganz anders anfühlt:
- Kontext statt Vergangenheit
- Fokus statt Gegenwart
- Ergebnis statt Zukunft
Dazu ziehe ich zwei weitere Karten:
eine zur eigentlichen Fragestellung (die oft ganz woanders liegt, als ich denke) und eine für mein Potenzial – im positiven wie im herausfordernden Sinn.
Dann lasse ich die Karten wirken. Ich lese, notiere, verknüpfe. Manchmal verstehe ich, dass gerade eine Zeit der Ruhe dran ist. Manchmal wird mir klar, dass ich nach innen schauen darf, bevor ich wieder ins Außen gehe.
Ich nehme aus den Karten mit, was mich unterstützt.
Den Rest lasse ich liegen.
Tarot als leise Praxis im Alltag
Tarot muss nichts Großes sein. Kein Ritual, kein Setting, kein „richtig machen“.
Vielleicht ist es einfach:
- eine Karte am Morgen – Was darf mich heute begleiten?
- eine Karte am Abend – Was habe ich heute über mich gelernt?
- Journaling statt Deutung
- Beobachten statt Bewerten
Offenheit reicht völlig.
Neue Impulse, neue Welten
Kürzlich hat sich mein Zugang nochmal erweitert – durch ein Buch, das die Bedeutungen der Karten auf eine sehr zugängliche, moderne Weise aufarbeitet: The Only Tarot Book You’ll Ever Need.
Und vor Kurzem hat mir mein Mann ein neues Tarotdeck geschenkt, das ich sehr liebe: Seelenreise Tarot.
Vielleicht kein klassisches Einsteigerdeck – aber ein wunderbarer Begleiter, wenn man bereits ein Grundverständnis mitbringt oder ein zusätzliches Buch zur Hand hat.
Ein leiser Abschluss
Nicht jedes Werkzeug passt zu jeder Person.
Aber manchmal findet man es erst heraus, wenn man sich erlaubt, neugierig zu sein.
Für mich ist Tarot zu einem stillen, verlässlichen Wegbegleiter geworden.
Nicht etwas, das mich lenkt – sondern etwas, das mich immer wieder zu mir selbst zurückführt.
Vielleicht wird Tarot für dich eine Lichtinsel.
Vielleicht irgendwann auch ein Werkzeug. Beides darf wachsen.
Wenn dich dieser Text inspiriert, dich dem Tarot auf deine eigene Weise zu nähern, freue ich mich sehr, davon zu hören.
Gerne in den Kommentaren oder über das Kontaktformular.
Wenn du nach dem Schweren kurz Luft brauchst: Hier sind kleine Lichtinseln – Momente zum Atmen, ohne dass etwas gelöst werden muss.




Kommentar verfassen