Ein guter Tag ist für mich heute nicht mehr zwingend ein schmerzfreier oder besonders produktiver Tag.
Es ist eher ein Tag, an dem mein Körper und ich gut miteinander gearbeitet haben. Ein Tag, an dem ich nicht dauerhaft gegen mich selbst gelebt habe.
Ein guter Tag ist nicht automatisch ein leichter Tag.
Schmerzen können da sein. Müdigkeit auch. Pläne dürfen kleiner werden. Und trotzdem kann es ein guter Tag gewesen sein – wenn ich gut mit mir umgegangen bin.
Manchmal liegt in dieser neuen Sichtweise Trauer.
Weil sie mich daran erinnert, dass mein Leben heute andere Bedingungen hat als früher.
Und gleichzeitig liegt darin etwas Beruhigendes: eine neue Ehrlichkeit.
Als sich mein Maßstab verschoben hat
Kurz nach unserem Umzug nach Cambridge haben mich meine Symptome eingeholt – und plötzlich stand mein altes Tempo neben mir wie eine fremde Sprache.
Die Umzugskartons, die „nur noch schnell“ ausgepackt werden wollten, fühlten sich an wie der Mount Everest. Und die drei Stockwerke im Haus wurden auf einmal zu etwas, das man nicht einfach nebenbei macht.
Am Ende des Tages war nicht mehr entscheidend, wie viele Kartons verschwunden waren.
Sondern ob mein Körper einigermaßen durch diesen Tag gekommen war.
Schon damals hat sich radikal verändert, was „ein guter Tag“ für mich bedeutet. Es gab Monate, in denen jeder einzelne Tag Schmerzen hatte. Und in so einer Zeit verschiebt sich der Maßstab nicht aus einem schönen Gedanken heraus, sondern aus Notwendigkeit.
So ein Umdenken passiert selten von heute auf morgen. Es ist ein Prozess.
Und es hat gedauert, bis ich mir eingestehen konnte: Ein guter Tag sieht mit chronischer Krankheit anders aus.
Früher habe ich einen „guten“ Tag an Leistung gemessen. An Produktivität. An Häkchen.
- viel geschafft
- To-do-Liste abgearbeitet
- Haushalt im Griff
- effizient gewesen
Mit chronischer Erkrankung habe ich schnell gemerkt: Dieses Maßsystem trägt mich nicht mehr.
Nicht, weil ich plötzlich weniger will. Sondern weil mein Körper ein anderes Tempo vorgibt.
Und genau dort beginnt etwas Neues:
Man lernt, einen guten Tag anders zu erkennen.
Nicht mehr: Ich habe alles geschafft.
Sondern vielleicht eher: Ich habe mich heute selbst nicht verloren.
Und manchmal ist das schon sehr viel. Gerade an Tagen, an denen der Körper laut ist.
Mein neuer Blick auf gute Tage
Heute messe ich gute Tage weniger daran, was ich „geschafft“ habe – und mehr daran, ob ich in Beziehung geblieben bin.
Beziehung zu meinem Körper.
Zu meinem Tempo.
Zu mir selbst.
Und zu den Menschen um mich herum.
Ein guter Tag ist für mich oft ein Tag, an dem ich mich nicht verlassen habe, nur um irgendwo anzukommen.
Kleine innere Marker statt großer Erfolge
Ich lerne, kleine innere Marker für gute Tage zu entwickeln. Die Liste wird sich verändern, sicher. Aber im Moment tragen mich vor allem diese:
Ein guter Tag kann bedeuten, dass ich …
- Langsamkeit gelebt habe, ohne mich dafür zu rechtfertigen.
- mich regulieren konnte, bevor mein Nervensystem kippt.
- Nähe gespürt habe.
- Dinge in meinem Tempo getan habe.
Manchmal reicht zur Regulation schon ein kurzes Innehalten, bevor ich über meine Grenzen gehe. Oder der Moment am Fenster: ins Grüne schauen, einmal tief ein- und ausatmen.
Es geht für mich viel darum, meine Trigger besser kennenzulernen – und früher zu bemerken, wenn mein System unter Stress gerät. Denn Stress ist bei mir selten „nur Stress“. Er wird schnell ein Teufelskreis, der am Ende alles verschlimmert.
Nähe ist ebenfalls ein großer Marker. Nähe zu meinen Kindern. Gespräche, die mich weich machen statt hart. Momente, in denen wir lachen. Begegnungen, die mich wieder ans Leben anbinden.
Und ein guter Tag bedeutet auch: Ich lasse mir Zeit. Ich akzeptiere mein Tempo.
Nicht gegen meinen Körper, sondern mit ihm. Wenn ich merke, dass Kopfschmerzen anklopfen, lasse ich eher stehen und liegen – und gehe in meinen Notfallplan, bevor es kippt.
Diese Augenblicke sind inzwischen ehrlicher für mich als vermeintlich wohltuende Produktivität.
Auch wenn ich zugeben muss: Ich hake immer noch gern Dinge ab.
Die unsichtbaren Dinge, die einen Tag tragen
Viele Dinge, die einen guten Tag für mich ausmachen, sind von außen kaum sichtbar.
Ein voller Kalender wirkt oft wie ein Aushängeschild. Mit chronischer Erkrankung verschiebt sich der Fokus: Die inneren Schritte sind groß – und sehen nach außen manchmal unspektakulär aus.
Zum Beispiel:
Ich überfordere mich weniger mit Erwartungen.
Weder mit meinen eigenen, noch mit denen anderer. Ich habe nicht mehr den Anspruch, alles perfekt zu machen. Ich lerne – und dann mache ich einfach. Und werde mit der Zeit besser.
Ganz praktisch: In unserem Haushalt wird keine Wäsche gebügelt. Das wäre früher vielleicht ein „Standard“ gewesen. Heute ist es eine Entscheidung für meinen Energiehaushalt.
Ich mache Pausen, bevor ich sie mir „verdient“ habe.
Wenn ich eine Etappe im Haushalt erledigt habe, setze ich mich danach zehn Minuten hin. Ich spiele im Sitzen mit den Kindern. Oder wir schauen zusammen Kochvideos auf Instagram. Nicht als „Plan B“, sondern als echtes Leben.
Ich kann Gespräche ruhiger führen.
Weil ich mehr in mir ruhe. Ich kann öfter erkennen: Das, was gerade gesagt wurde, hat nicht automatisch mit mir zu tun – selbst dann, wenn es sich im Moment wie ein Angriff anfühlt.
Ich bleibe freundlicher zu mir.
Natürlich bin ich manchmal traurig oder wütend. Das gehört dazu. Aber mich innerlich gegen meinen Körper zu stellen, macht es nicht leichter. Freundlichkeit ist für mich kein „Feel-good“-Konzept, sondern etwas sehr Konkretes: weniger Kampf, weniger Widerstand, mehr Atem.
Manche meiner besten Tage sehen von außen unscheinbar aus.
Aber innerlich bestehen sie aus vielen kleinen Entscheidungen, die meinem Körper guttun.
Die Rolle des Nervensystems
Ein guter Tag definiert sich für mich heute auch darüber, ob sich mein Nervensystem sicher gefühlt hat.
Wenn ich „sicher“ sage, meine ich nicht: alles perfekt.
Eher: nicht permanent Alarm.
Meine Marker dafür sind oft:
- wenig Stress
- ausreichend Pausen
- schöne Begegnungen
- Bewegung (in meinem Maß)
- Wärme
- Stille
- kleine Rückzugs-Momente
Gute Tage sind für mich oft regulierte Tage. Nicht symptomfrei. Nicht perfekt. Aber innerlich weniger gehetzt, weniger unter Strom, weniger gegen mich.
Und ja: Früher hätte ich einen Tag vielleicht dann gut genannt, wenn ich viel erlebt oder viel geschafft habe.
Heute ist ein guter Tag manchmal einfach einer, in dem mein inneres System nicht die ganze Zeit um sich geschlagen hat.
Gute Tage haben heute ein anderes Tempo
Langsamkeit ist zu einer Qualität in meinem Alltag geworden. Nicht als romantische Idee, sondern als etwas sehr Praktisches: weniger Druck, weniger Parallelität, mehr bewusstes Tun.
Gute Tage sind heute oft langsam genug, dass mein Körper mitkommen kann, ohne sich überfordert zu fühlen.
Vieles davon lässt sich nicht fotografieren. Es steht auf keiner To-do-Liste und bringt keine sichtbare Anerkennung.
Aber genau diese leisen Entscheidungen tragen mich.
Und manchmal – das gehört auch dazu – gibt es Tage, die sich nicht gut anfühlen und trotzdem nicht „gescheitert“ sind. Tage, die man nicht auswerten muss. Tage, die einfach nur Tage sind. Auch das ist inzwischen Teil meines Maßstabs.
Die kleinen Lichtinseln
Es sind heute viel mehr die kleinen Momente, in denen ich Frieden und Zufriedenheit finde. So wie jetzt, während ich diesen Text schreibe.
Ein Tag muss nicht außergewöhnlich sein. Er darf leise sein.
Eine warme Nudelsuppe.
Der Duft von Frühling, der durchs Fenster kommt.
Ein kurzer Spaziergang.
Ein paar Zeilen, die entstehen.
Ein gutes Gespräch.
Ein Moment von Wärme.
Manchmal besteht ein guter Tag nicht aus einem durchgehend guten Gefühl, sondern aus kleinen Lichtinseln.
Und vielleicht liegt genau darin eine neue Form von Lebensqualität:
nicht darin, dass alles wieder so wird wie früher –
sondern darin, dass ich das Gute anders wahrnehmen lerne.
Was heute für mich zählt
Ich messe einen guten Tag nicht mehr daran, wie viel ich geleistet habe, sondern daran, wie ich ihn erlebt habe. Mein Wert hängt nicht daran, wie viele Punkte ich abhaken konnte.
Vielleicht sind gute Tage nicht die Tage, an denen alles funktioniert.
Vielleicht sind es die Tage, an denen wir freundlich mit uns selbst geblieben sind.
Tage dürfen müde, langsamer und sogar schmerzhaft sein – und dennoch gute Tage gewesen sein.
Vielleicht sind gute Tage nicht die Tage, an denen wir alles geschafft haben.
Sondern die Tage, an denen wir bei uns geblieben sind.
Und vielleicht ist genau das manchmal mehr als genug.
Wenn du dich zwischendurch selbst verlierst: Hier sind Texte, die dich leise zurück zu dir begleiten – Schritt für Schritt, ohne Zielgerade.
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Wenn du magst, begleite ich dich auch zwischen den Texten.




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