Wer war Nina, bevor das alles angefangen hat?

Manchmal weiß ich gar nicht mehr so genau, wer Nina war, bevor das alles angefangen hat.
Und dann frage ich mich: Wie weit muss ich eigentlich zurückgehen, um dieser Nina wieder näherzukommen?

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der es nie an etwas gefehlt hat. Dinge, von denen andere geträumt haben – ein Auto zum 18. Geburtstag zum Beispiel – waren für mich Realität. Mit Mitte 20 hatte ich bereits an vielen Orten der Welt gelebt: in Nigeria, in Taipeh, in Virginia, während des Studiums ein Semester in Mexiko. Später mit meinem Mann dann in Dublin, in London und heute in Cambridge.

Geboren in Wiesbaden, Gymnasium in Münster, Studium in Bruchsal, Leben im Münchner Umland – mein Lebenslauf liest sich bewegt, fast leicht. Und doch war er das für mich nicht immer.

Als Kind waren die vielen Umzüge sehr herausfordernd. Ich war ein introvertiertes Mädchen, dem es schwerfiel, Anschluss zu finden. Dazu kam Ausgrenzung aufgrund meiner Herkunft.
Eine richtige beste Freundin hatte ich zum ersten Mal im Erwachsenenalter. Diese Erfahrung blieb mir in der Schulzeit verwehrt.

Und trotzdem dachte ich lange: Irgendwann wird das Leben richtig anfangen.
Wenn ich beruflich angekommen bin.
Wenn ich einen Partner habe.
Wenn ich Kinder habe.

Ich wartete. Und merkte irgendwann, dass das Leben sich so nicht entfaltet. Also begann ich mit persönlicher Entwicklung, Coachings, Büchern. Ich dachte, ich hätte schon viel verstanden. Heute weiß ich: Ich hatte kaum an der Oberfläche gekratzt. Die eigentliche Schule begann erst viel später – in den letzten zehn Jahren.


Wer war Nina, bevor ich Kinder bekam?

Ich hatte eine Karriere.
Ich konnte mit meinem Mann in Ruhe essen gehen.
Ich konnte am Wochenende ausschlafen. Serien schauen – tagsüber, stundenlang, ohne schlechtes Gewissen.
Ich ging zu spät ins Bett, weil mich morgens niemand brauchte.

Ich schrieb viel. Journaling war mein Anker. Persönliche Entwicklung mein Zuhause.
Ich dachte, ich kenne meinen Weg.

Und gleichzeitig dachte ich lange, dass ich keine Kinder bekommen kann.
Dieser Gedanke machte mich unendlich traurig. Und doch konnte ich diesen Wunsch, diesen kleinen Keim Hoffnung, nie ganz begraben.


Wer war Nina ohne Partner?

Manchmal habe ich das Gefühl, ich war naiv.

Ich war schon immer interessiert an persönlicher Weiterentwicklung. Ich machte Coachings, belegte Kurse, las unzählige Bücher. Und doch glaube ich heute, dass ich erst wirklich verstanden habe, woran ich arbeiten sollte, als ich meinen Mann kennengelernt habe.

Davor fühlte ich mich oft einsam.
Ich zog mich zurück.
Ich glaubte, niemand versteht mich.

Ich versuchte, alles zu kontrollieren – in der Hoffnung, so auch meine Emotionen kontrollieren zu können.
Und wenn mir das nicht gelang, wurde ich von ihnen überrollt.


Wer war Nina mit Partner?

In den letzten fast zehn Jahren habe ich mich mit meinem Mann mehr entwickelt als in meinem gesamten Leben davor. Nicht, weil ich vorher nicht wollte. Sondern weil mir vorher niemand so nah war, dass er mir einen echten Spiegel vorhalten konnte.

Diese Entwicklung kam nicht plötzlich. Sie war ein Prozess, der Jahre dauerte.
Er begann leise, mit kleinen Verschiebungen.
Und irgendwann wurde daraus eine Lawine.

Nach dieser Lawine – in Form meiner Diagnosen – war ich ein anderer Mensch.


Wer war Nina nach dem ersten Kind?

Mein erster Sohn kam kurz vor der Corona-Pandemie zur Welt.
Er war mein kleines Wunder – nachdem man mir gesagt hatte, ich könne keine Kinder bekommen. Erst später wurde zufällig meine Endometriose entdeckt und vollständig entfernt.

Ich war überwältigt von Liebe.
Und gleichzeitig völlig erschöpft.

Mein Sohn weinte viel. Nachts kam er manchmal jede Stunde. Heute verstehe ich, warum Schlafentzug Folter ist. Ich fühlte mich unendlich allein. Und ich konnte kaum ertragen, dass kinderlose Vorgesetzte diese Zeit als Urlaub bezeichneten.

Der Wiedereinstieg in die Arbeitswelt holte mich hart auf den Boden der Tatsachen zurück.
Egal, wie gut du vorher warst – als Mutter trägst du plötzlich einen Stempel auf der Stirn.

Das tat weh. Es machte mich traurig. Und es zwang mich, meinen beruflichen Weg neu zu denken.
Es dauerte Jahre, bis ich wieder meinen Platz fand.


Wer war Nina nach dem zweiten Kind?

Das zweite Kind war nicht geplant.
Und doch bin ich überzeugt, dass er genau zu uns wollte.

Er ist unser Sonnenschein. Auch wenn er manchmal ein kleines Teufelchen ist.

Niemand hatte mich auf diese Tsunami-Welle vorbereitet. Alle sagten: Das zweite läuft einfach mit.
Und ja – er schlief vergleichsweise gut, schrie wenig.
Und trotzdem hat mich diese Zeit innerlich zerrissen.

Ich hatte das Gefühl, keinem der beiden Kinder wirklich gerecht zu werden.
In diese Rolle musste ich langsam hineinwachsen. Und ich bin hineingewachsen.
Aber das erste Jahr mit zwei Kindern war alles andere als leicht.

Rückblickend glaube ich, dass in dieser Zeit meine Krankheiten ausgebrochen sind.
Mein Körper erholte sich nur sehr langsam vom zweiten Kaiserschnitt.
Ich hatte lange Schmerzen.
Eine Lungenentzündung mit Krankenhausaufenthalt.
Ein Lymphknoten, der entfernt werden musste, um Krebs auszuschließen.
Immer wieder Hautausschläge – besonders in stressigen Phasen.

Auch die Beziehung zu meinem Mann geriet ins Wanken. Wir standen kurz vor der Trennung.
Wenn man dauerhaft am Limit lebt, ist man keine entspannte, mitfühlende Partnerin mehr.

Diese Zeit brachte mich zu einem Coaching, in dem ich meine Kindheitsprägungen aufgearbeitet habe.
Es war lebensverändernd.

Ich lernte, mich nicht mehr in meinen Gefühlen zu verlieren.
Ich sprengte innere Fesseln.
Ich wurde ausgeglichener – und damit eine bessere Partnerin und Mutter.

Heute weiß ich: Kindheit prägt. Immer.
Und wir alle tun das Beste mit dem, was wir haben.


Wer war Nina vor der Diagnose?

Ich war auf einem guten Weg in ein selbstbestimmtes Leben.
Wir standen vor einem großen Umzug. Ich freute mich – ohne zu wissen, was da auf mich zukommen würde.

Ich spürte bereits vorher Erschöpfung. Der Umzug forderte mich körperlich mehr als alles zuvor.
Und ich hatte Angst.

Angst, mir alles nur einzubilden.
Aber auch Angst davor, dass es etwas Ernstes sein könnte. Etwas Lebensverkürzendes.

Mein Körper schickte klare Signale:
Kopfschmerzen, die mich völlig lahmlegten.
Ein Rücken, der mich zeitweise nicht mehr tragen konnte.
Haut, die Alarm schlug.
Und Panikattacken.

Die schlimmste hatte ich im Wartebereich einer Notaufnahme.
Kribbeln in allen Extremitäten.
Druck im Kopf.
Kaum Luft.
Für einen Moment dachte ich, das war’s jetzt.

So schlimm wurde es nie wieder. Aber ich hatte weitere Panikattacken – im Flugzeug, im MRT.
Heute arbeite ich mit Atmung und Mindset. Und hoffe, es im Griff zu haben.
Aber man weiß ja: niemals nie.


Wer ist Nina heute?

Heute bin ich ein anderer Mensch. Aus vielen Gründen.

Ich habe gelernt, dass Selbstfürsorge kein Luxus ist. Sie ist Voraussetzung.
Nur so kann ich all meine Rollen ausfüllen – so, wie ich es mir wünsche.

Ich bin gelassener geworden.
Ich wähle meine Kämpfe bewusst.
Ich gehe achtsam mit meiner Energie um – besonders an schlechten Tagen.

Ich bin über 30 Kilo leichter.
Ein Teil bewusst. Ein Teil durch Medikamente, Übelkeit, fehlenden Appetit.
Viele sagten, ich sehe toll aus.
Ich fühlte mich oft einfach nur schwach.

Heute kehrt die Freude am Essen langsam zurück. Und ich weiß: Jeder neue Medikamentenwechsel bringt Ungewissheit mit sich.

Ich habe Zuflucht im Schreiben gefunden.
Gedanken ordnen. Worte finden.
Das schafft Klarheit – im Kopf und im Herzen.

Ich habe gelernt, ohne schlechtes Gewissen für mich zu sorgen.
Auch, weil ich meinen Kindern ein Vorbild sein möchte.
Ich will, dass sie lernen, ihre Grenzen zu achten. Nein zu sagen. Gut zu sich zu sein.


Und trotz allem – oder vielleicht gerade deshalb

Mein Leben ist heute glücklicher als je zuvor.

Ja, es gibt Herausforderungen.
Ja, es gibt Unplanbarkeit.
Ja, es gibt Tage mit Traurigkeit, Wut und Erschöpfung.

Aber ich lebe im Hier und Jetzt.
Und das macht mich glücklich.

Ich genieße die Zeit mit meinen Kindern.
Ich sauge diese wunderbaren Momente auf.
Mein Mann und ich wachsen wieder zusammen. Wir lachen mehr.

Gerade ist es gut.
Und dafür bin ich dankbar.


Vielleicht ist diese Geschichte nicht nur meine.
Vielleicht hast du dich beim Lesen an verschiedenen Stellen selbst gespürt.
Oder gemerkt, wie still du bei manchen Absätzen geworden bist.

Vielleicht fragst du dich gerade:

  • Wer war ich, bevor das alles angefangen hat?
  • Ab welchem Punkt habe ich begonnen, mich selbst aus den Augen zu verlieren?
  • Welche Version von mir lebt heute – und welche wartet noch darauf, wieder Raum zu bekommen?
  • Was hat mein Körper mir vielleicht schon lange gesagt, bevor ich bereit war zuzuhören?
  • Wo kämpfe ich noch gegen etwas an, das eigentlich nach Sanftheit ruft?
  • Und was würde passieren, wenn ich mir erlauben würde, mein Leben nicht ständig „durchzuhalten“, sondern wirklich darin anzukommen?

Du musst diese Fragen nicht sofort beantworten.
Vielleicht reicht es, sie erst einmal da sein zu lassen.
Wie leise Begleiterinnen auf deinem eigenen Weg.


Wenn du dich zwischendurch selbst verlierst: Hier sind Texte, die dich leise zurück zu dir begleiten – Schritt für Schritt, ohne Zielgerade.

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ÜBER MICH

Hi, ich bin Nina –
Mama von zwei Jungs, mit einem Körper, der seine ganz eigenen Regeln hat,
und deine Begleiterin bei Die sanfte Rebellion.

Ich stehe selbst noch mitten im Prozess – auf meinem Weg zurück zu mir, zu mehr Echtheit, innerer Ruhe und einem Leben, was sich wieder stimmig anfühlt.
Dieser Blog ist mein Raum, um zu teilen, zu lernen und zu wachsen. Ein kleines Stück Rebellion gegen das reine Funktionieren, gegen das permanente „Müssen“ – und für ein Leben, das sich wieder echt anfühlen darf.

Hier findest du ehrliche Reflexionen, sanfte Inspiration und kleine, alltagstaugliche Schritte, die dich dabei begleiten, wieder bei dir selbst anzukommen. Ohne Perfektion – aber mit ganz viel Herz.

Vielleicht bist du hier, weil du dich nach einem Ort sehnst, an dem du nicht zuerst erklären musst, warum du müde bist.
Ein Ort, an dem du nicht „besser werden musst“, um willkommen zu sein.

Die sanfte Rebellion ist für mich kein lautes Dagegen, eher ein Zurück:
zurück in den Körper, zurück in ein Leben, das sich für dich wahr anfühlt.
Und es ist ein Mit:
mit dir – und allem, was dazu gehört -auf einer Reise zurück zu dir selbst.

Ich schreibe neben dir.
Ohne schnelle Lösungen, ohne Druck. Eher wie eine leise Umarmung: da, wenn du sie brauchst.

Du darfst mitnehmen, was dich stärkt und den Rest hier lassen. Alles kann, nichts muss.

Wenn du wissen möchtest, warum ich diesen Blog ins Leben gerufen habe, schau dich gern hier um.
Und wenn du Gedanken teilen, Fragen stellen oder einfach Hallo sagen möchtest: Ich freue mich sehr über jede Nachricht und jeden Kontakt.


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