Irgendwann bin ich über einen Gedanken gestolpert, der bei mir geblieben ist.
Nicht laut.
Nicht spektakulär.
Aber irgendwie entlastend.
Die Idee war:
Ich bin nicht meine Gedanken.
Ich habe Gedanken.
Und ich darf lernen, sie zu beobachten, statt ihnen sofort zu glauben.
Das hat etwas in mir verschoben. Ganz leise.
Ich muss meine Gedanken nicht wegmachen.
Ich muss sie nicht positiv ersetzen.
Ich darf sie da sein lassen – und trotzdem meine eigenen Schritte gehen.
Manchmal stelle ich mir vor, ich sitze einen halben Meter neben ihnen und schaue einfach zu.
Nicht immer.
Aber immer öfter.
Später habe ich gelernt, dass es für diese innere Bewegung auch einen therapeutischen Ansatz gibt, unter anderem in der ACT. Dort geht es nicht darum, Gedanken zu bekämpfen, sondern ihnen mit etwas mehr Abstand zu begegnen.
Und genau das hat für mich viel verändert.
Denn mein Kopf versucht nicht, mich fertigzumachen.
Er versucht, mich zu schützen.
Nur macht er das manchmal etwas übermotiviert.
Er denkt Dinge zu Ende, die noch gar nicht begonnen haben.
Er malt Bilder, die größer sind als das, was gerade ist.
Aus einem „Heute ist es schwer“ wird schnell ein
„Was, wenn es nie wieder besser wird?“
Und in solchen Momenten fühlt sich das alles sehr wahr an.
Ich habe irgendwann gelesen, dass unser Gehirn dazu neigt, Katastrophen zu proben. Catastrophizing nennt sich das. Für mich war das ein hilfreicher Gedanke, weil er etwas in Worte gefasst hat, das ich gut kenne.
Es gibt Tage, da ist mein Kopf lauter als mein Körper.
Und das will etwas heißen.
Dann beginnt mein Tag nicht mit Schmerzen, sondern mit einem Gedanken.
- Was, wenn ich vor der Abreise noch einen Schub bekomme?
- Warum habe ich Schmerzen in meiner Hand? Das ist neu. Und das Tippen war in den letzten Wochen und Monaten mein Rettungsanker. Was, wenn das nicht wieder weggeht?
- Ich habe vor der Abreise noch so viel zu tun – wie soll ich mich da ausreichend entspannen, um gestärkt in die Reise zu gehen?
An solchen Tagen merke ich, wie schnell mein Kopf aus einem Heute ein ganzes Morgen macht.
Und genau dann versuche ich, mich zu erinnern:
Nicht alles, was ich denke, ist eine Tatsache.
Wenn der Kopf Katastrophen malt
Gedanken fühlen sich oft wahr an. Aber sie sind nicht automatisch die Wahrheit.
Gerade mit chronischer Erkrankung ist mein System sehr darin geübt, Gefahr früh zu erkennen. Mein Körper ist oft im Alarmmodus. Und mein Kopf malt dann manchmal vorsorglich schon das schlimmste Bild zuerst.
Ich verstehe das inzwischen mehr als Schutzmechanismus denn als persönliches Versagen.
Statt mich in diesen Gedanken zu verlieren, versuche ich, innerlich einen kleinen Schritt zurückzutreten. Dann helfen mir Fragen wie:
- Entspricht das, was ich gerade denke, wirklich der Wahrheit?
- Kann ich die Zukunft voraussagen?
- Versucht mein Kopf gerade vielleicht einfach nur, mich zu schützen?
- Ist das gerade ein Gedanke – oder eine Tatsache?
Ich muss meine Gedanken nicht bekämpfen.
Ich darf lernen, neben ihnen zu stehen.
Denn Gedanken haben Wirkung. Sie gehen nicht spurlos durch mich hindurch. Sie können Anspannung auslösen, Stress verstärken, Schmerzen größer werden lassen. Und manchmal entsteht allein durch einen Gedanken schon Druck, noch bevor überhaupt etwas passiert ist.
Wenn ich mich daran erinnere, dass ein Gedanke keine Tatsache ist, wird es in mir oft ein kleines bisschen weiter.
Meine Krankheit ist real.
Sie ist nicht eingebildet.
Aber nicht jeder Gedanke über sie ist deshalb automatisch wahr.
Gedanken aufschreiben, statt ihnen hinterherzulaufen
Vielleicht geht es gar nicht immer darum, weniger zu denken.
Manche Gedanken zeigen mir auch, wo gerade Angst sitzt. Wo Unsicherheit ist. Wo ich genauer hinschauen darf.
Gerade dann hilft es mir, alles ungefiltert aufzuschreiben. Wenn Gedanken nur noch chaotisch in meinem Kopf kreisen und ich von Minute zu Minute angespannter werde, bringt Schreiben etwas Ordnung hinein.
Nicht, weil dann sofort alles gut ist.
Sondern weil ich wieder sehen kann, was eigentlich da ist.
Auf Papier wirken Gedanken oft ein wenig weniger allmächtig. Sie werden greifbarer. Sortierbarer. Ehrlicher.
Dann kann ich mich fragen:
- Was davon ist gerade Sorge?
- Was davon ist alte Angst?
- Was davon braucht heute wirklich meine Aufmerksamkeit?
Ich muss also nicht jedem Gedanken Glauben schenken.
Und ich darf mich trotzdem liebevoll mit dem auseinandersetzen, was darunter liegt.
Was alte Glaubenssätze damit zu tun haben
Unabhängig von meiner Krankheit trug ich lange einen Glaubenssatz in mir, der sehr tief saß: Dass ich Liebe vor allem dann verdiene, wenn ich genug leiste.
Durch die Aufarbeitung meiner Prägungen konnte ich diesen Satz mit der Zeit entkräften – noch bevor meine Diagnosen da waren.
Ich glaube oft, dass es deutlich schwerer für mich geworden wäre, chronische Erkrankung mit genau diesem alten Leistungsdruck zu erleben. Denn Krankheit bringt Langsamkeit mit. Pausen. Begrenzung. Und oft auch den Abschied von dem Bild, wie viel man einmal schaffen konnte.
Dieser Verlust wäre für mich wahrscheinlich noch schmerzhafter gewesen, wenn ich Leistung weiterhin mit Wert verwechselt hätte.
So wurde die Krankheit bei allem, was sie mitgebracht hat, auch zu einer Einladung, anders auf mich zu schauen: aufmerksamer, ehrlicher und vielleicht etwas weicher.
Nicht im Sinn von „Das hatte alles einen guten Grund“.
Sondern eher im Sinn von: Ich darf lernen, in meinem Rahmen zu leben. Mit meinen Grenzen. Und trotzdem sinnvoll da zu sein.
Die Arbeit mit meiner Therapeutin hat mich darin sehr unterstützt. Eine der wertvollsten Fragen, die sie mir mitgegeben hat, ist:
Kann ich die Zukunft voraussagen?
Diese Frage hilft mir besonders dann, wenn meine Gedanken schon weit vorauslaufen – zum Beispiel, wenn ich mir Sorgen über den Verlauf meiner Krankheiten mache.
Gedanken sind nicht dasselbe wie Glaubenssätze
Für mich war es irgendwann hilfreich, einen Unterschied zu verstehen:
Gedanken und Glaubenssätze sind nicht dasselbe.
Gedanken sind oft flüchtig. Sie kommen und gehen. Sie entstehen aus Situationen, aus Stress, aus Erschöpfung, aus einem inneren Alarm.
Ein Gedanke kann zum Beispiel sein:
Das schaffe ich heute nicht.
Glaubenssätze sitzen meist tiefer. Sie entstehen oft über viele Jahre und wirken wie ein innerer Filter, durch den ich mich selbst und die Welt betrachte.
Ein Glaubenssatz könnte eher lauten:
Ich bin nicht belastbar.
Oder: Ich darf keine Schwäche zeigen.
Vielleicht sind Glaubenssätze die Wurzeln – und Gedanken die Blätter.
Die Wurzel beeinflusst, was oben wächst. Aber nicht jedes Blatt erzählt schon die ganze Geschichte der Wurzel.
Das ist mir wichtig. Denn nicht jeder schwere Gedanke bedeutet automatisch, dass darunter ein tiefer Glaubenssatz liegt. Manchmal ist ein Gedanke einfach Ausdruck von Überforderung. Von Unsicherheit. Von einem Nervensystem, das gerade sehr wach ist.
Gerade bei chronischer Erkrankung entstehen schnell Gedanken wie:
- Das wird nie besser.
- Mein Körper lässt mich im Stich.
- Ich kann mein Leben nicht mehr so leben wie früher.
Diese Gedanken fühlen sich oft extrem wahr an.
Aber sie sind häufig gefärbt von Angst, von Erschöpfung, von Kontrollverlust – und manchmal auch von alten inneren Mustern.
Sie sagen nicht automatisch die Wahrheit über mich.
Und auch nicht sicher über meine Zukunft.
Ich übe eine beobachtende Position
Früher habe ich Gedanken manchmal bekämpft. Oder ich bin hart mit mir ins Gericht gegangen, weil ich sie überhaupt hatte.
Heute möchte ich weniger kämpfen.
Ich übe eine beobachtende Position.
Nicht immer erfolgreich.
Nicht vollkommen.
Aber doch spürbar anders als früher.
Der Satz „Ich bin nicht meine Gedanken“ hat meinem Körper gutgetan. Er hat Druck herausgenommen. Etwas Anspannung gelöst. Ich werde dadurch nicht gedankenfrei. Aber oft etwas freier inmitten meiner Gedanken.
Und das ist für mich ein großer Unterschied.
Ich muss nicht alles glauben, was mein Kopf mir in einem ängstlichen Moment erzählt.
Ich darf zuhören, ohne sofort zu folgen.
Ich darf wahrnehmen, ohne mich ganz darin zu verlieren.
Vielleicht ist genau das im Moment mein Weg:
Meine Gedanken da sein zu lassen.
Und trotzdem bei mir zu bleiben.
Wenn du dich zwischendurch selbst verlierst: Hier sind Texte, die dich leise zurück zu dir begleiten – Schritt für Schritt, ohne Zielgerade.
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Wenn du magst, begleite ich dich auch zwischen den Texten.




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