Es gibt Themen, die sich wie ein Knoten in uns verheddern. Sie drehen sich im Kopf, werden größer, schwerer, unübersichtlicher – bis wir uns selbst darin verlieren.
So ein Thema begleitet mich in den letzten Wochen. Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Du stehst mitten im Leben als Mama, versuchst alles zusammenzuhalten, funktionierst, lächelst – und innerlich schreit dein Körper nach einer Pause, nach Verständnis, nach einem sicheren Ort.
Und dann gibt es Menschen, sogar sehr nahestehende, die diesen inneren Kampf weder sehen noch verstehen können.
Unsichtbare Krankheiten und der Preis des Maskings
Wir hatten kürzlich Besuch. Obwohl ich mich gefreut habe, war die Zeit unglaublich anstrengend – körperlich, emotional, mental.
Ich lebe mit unsichtbaren, aber sehr realen Krankheiten, die meinen Alltag formen, meine Belastbarkeit begrenzen und mir Grenzen setzen, die ich mir nie gewünscht habe.
Das Schwierige an unsichtbaren Krankheiten: Wenn man sie nicht sieht, glauben viele, sie seien weniger real, weniger wichtig, weniger legitim.
Und genau hier beginnt der Schmerz, den viele Mamas kennen – egal, ob sie selbst chronisch krank sind oder ständig über ihre Belastungsgrenze leben.
Während des Besuchs habe ich bemerkt, wie ich Stück für Stück versteckt habe, wie es mir wirklich geht. Ich habe gelächelt, obwohl ich erschöpft war. Ich war aktiv, obwohl meine Gelenke protestierten. Ich habe „alles okay“ gespielt, obwohl nichts okay war.
Das nennt man Masking – das Verstecken der eigenen Gefühle, Bedürfnisse oder Symptome, um für andere „normal“ zu wirken. Es ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Schutzmechanismus. Viele chronisch kranke Mamas wenden Masking ständig an, weil das Umfeld die Belastung nicht sieht, aber dennoch Erwartungen stellt.
Der Preis dafür ist hoch: Masking kostet enorm Energie, überlastet das Nervensystem, führt zu Rückzug und kann sogar zu Krankheitsschüben führen. Es passiert, wenn wir uns nicht sicher fühlen – es ist kein persönliches Versagen, sondern ein Signal, dass wir Unterstützung brauchen.
Ehrlichkeit vs. Belastung: Wie viel darf ich meinem Partner zumuten?
Mein Rückzug nach dem Besuch hat auch meinen Mann getroffen. Er war wütend:
“Ich kriege das alles ab. Ich bin der einzige, dem du zeigst, wie es dir geht.”
Chronische Krankheiten verändern Beziehungen. Sie bringen Erschöpfung, Frust und Hilflosigkeit – auf beiden Seiten. Und manchmal entsteht das Missverständnis, dass der Partner den Schmerz verursacht. Dabei ist er oft einfach der einzige Ort, an dem wir ihn nicht verstecken.
Wenn das Umfeld bewertet statt versteht
Kennt ihr das? Statt Verständnis für eine ohnehin schon schwierige Situation bekommt man Kommentare wie:
- „Andere Mamas schaffen das doch auch.“
- „Werden deine Kinder nicht jeden Tag gebadet?“
- „Du musst einfach organisierter sein.“
Solche Worte kratzen am Selbstwert und am Rollenbild als Mama, als Frau, als Mensch. Unsichtbare Krankheiten werden oft erst ernst genommen, wenn etwas im Außen sichtbar passiert. Bis dahin scheinen wir „funktionierend genug“, und viele urteilen darüber, ohne je in unseren Alltag eingetaucht zu sein.
Der Druck, als moderne Mama „alles“ zu schaffen
Ein Thema, das viele Mamas kennen – unabhängig von chronischen Erkrankungen – ist der Druck, Familie, Haushalt, mentale Last, Beziehungen, eigene Bedürfnisse und oft noch Erwerbsarbeit gleichzeitig zu managen.
Auch ich spüre: Jede Stunde, jeder Termin, jede Aufgabe kostet Ressourcen, die nicht unendlich sind. Und trotzdem vergleicht man sich innerlich: „Reicht das, was ich leiste?“
Haus- und Care-Arbeit ist ein Vollzeitjob. Teilzeitarbeit plus Familie bedeutet oft, zwei Rollen gleichzeitig zu tragen, die beide gesehen und anerkannt werden wollen.
Die eigentliche Frage lautet nicht: „Sollte ich arbeiten?“
Sondern: Wie kann ich arbeiten und leben, ohne mich selbst zu verlieren?
Die schmerzliche Erkenntnis: „Ich bin nicht mehr so belastbar wie früher“
Dieser Satz tut weh, weil er eine alte Version von mir verabschiedet, die alles geschafft hat, oft über ihre Grenzen ging und immer für andere da war.
Aber ist es wirklich meine Belastbarkeit, die das Problem ist? Oder ist es vielmehr die Lebensrealität, die sich nicht an mich anpasst? Mein Körper will mir nicht sagen, dass ich schwach bin. Er will mir sagen, dass ich anders leben muss – und das liegt in meiner Hand.
Meine nächsten Schritte auf dem sanft rebellischen Weg
Vielleicht dienen sie dir als Inspiration, wie du selbst erste Schritte gehen kannst:
- Klare Grenzen setzen: „Ich möchte nicht, dass mein Haushalt, meine Kindererziehung oder meine Belastbarkeit kommentiert werden.“
- Schmerz selektiv teilen – bevorzugt mit Menschen, die nachvollziehen können, wie es mir wirklich geht. So entlaste ich auch meinen Partner.
- Unterstützung holen, auch wenn ich kein soziales Netzwerk oder Familie vor Ort habe.
- Ein tägliches Belastungsbarometer nutzen: Was kann ich heute leisten? Was muss wirklich erledigt werden? Was kann warten oder delegiert werden?
- Mini-Erholungspausen gestalten, die kurzfristig neue Energie geben und in den Alltag eingebaut werden können.
Du bist nicht allein
Du bist nicht falsch. Du musst das nicht alleine tragen. Und du musst nicht so tun, als würdest du alles alleine schaffen.
Die sanfte Rebellion beginnt damit, dass du aufhörst, gegen dich selbst zu kämpfen – und anfängst, mit dir zu leben.
Was ist dein erster Schritt auf deiner sanft-rebellischen Reise?
Wenn du spürst, dass Krankheit etwas in Beziehungen verschiebt: Hier sind Texte über Nähe, Missverständnisse und Verbindung – auch im Unperfekten.




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