Nicht heilbare Diagnosen – und auch diese Unsicherheit vor einer Diagnose – lassen einen automatisch an den Tod denken.
Bei mir fühlt es sich an, als hätten meine Diagnosen einen Puffer weggenommen: diesen Abstand, den ich früher ganz selbstverständlich zwischen meinem Alter und dem Tod „in vielen Jahren“ gesehen habe.
Und genau dieser Puffer sorgt ja oft auch dafür, dass wir Dinge auf später verschieben. Weil wir denken, dass noch ausreichend Zeit da ist.
Meine Diagnosen haben diesen Puffer kleiner gemacht. Und manchmal habe ich das Gefühl, ich sehe Dinge zum ersten Mal mit voller Klarheit.
Durch Schübe und Schmerzen werde ich tagtäglich daran erinnert, dass mein Körper nicht für immer leben kann. Dazu kommt diese Unplanbarkeit, die meine Konditionen mitbringen. Das heißt nicht, dass der Tod in irgendeiner Weise näher gerückt wäre. Aber ich setze mich anders mit ihm auseinander.
Früher war Krankheit für viele Menschen viel unmittelbarer mit Verlust verbunden.
Nicht, weil es heute keine Schwere mehr gäbe – sondern weil es heute mehr Möglichkeiten gibt, mehr Begleitung, mehr Zeit.
Und trotzdem: Mein Nervensystem macht da keinen großen Unterschied. Es reagiert manchmal schon auf den Gedanken, als wäre er eine Wahrheit, die gleich vor der Tür steht.
Und wenn man sich einmal ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzt, kommt sie irgendwann:
Wie viel Zeit habe ich eigentlich noch?
Diese Frage stiftet Unruhe. Und was ich eigentlich möchte, ist Frieden.
Frieden damit, dass das Leben endlich ist. Frieden damit, dass das Leben irgendwann auch ohne mich weitergeht.
Ich mag diesen Gedanken nicht. Ich möchte weder meine Kinder verlassen noch meinen Mann. Ich habe noch so viel zu leben. So viel Liebe zu geben.
Was mich beruhigt, ist ein anderer Gedanke: Dass Liebe prägt. Und dass sie – auf ihre Weise – über mich hinaus bei den Menschen bleibt, die ich aus ganzem Herzen liebe. Das nimmt mir ein wenig von der Panik, die manchmal hochkommt, wenn mir wieder einfällt, dass Zeit begrenzt ist.
Die Weichheit, die mitkam
Mit chronischer Krankheit kam bei mir auch eine gewisse Weichheit ins Leben.
Mehr Ruhe. Mehr Mitgefühl. Mehr Langsamkeit.
Und gleichzeitig ein extrem starker Wille, nichts mehr von dem zu verschwenden, was wirklich wichtig ist.
Das kann Angst auslösen – die empfinde ich ehrlich gesagt manchmal auch.
Aber es hat vor allem Klarheit gebracht:
- Klarheit darüber, dass ich mich um mich kümmern muss und kümmern darf, damit ich all meinen Rollen gerecht werden kann.
- Klarheit darüber, dass ich nicht jeden Schuh anziehen muss.
- Klarheit darüber, dass ich mich nicht vom Stress oder der schlechten Laune anderer anstecken lassen muss.
Das klappt nicht immer. Aber ich bin besser darin geworden, mir Zeit zu lassen mit meinen Reaktionen. Und manches auch mal runterzuschlucken – zum Beispiel meinen vermeintlichen Stolz.
Liebe, Verbindung und Nähe stehen über allem. Und das versuche ich zu leben.
Präsenz statt Optimierung
Man muss hier natürlich vorsichtig sein: So wie bei diesem „immer glücklich sein müssen“ kann auch schnell Druck entstehen, die eigene Zeit ständig optimal zu nutzen.
Aber da hilft mir wieder diese Weichheit, die in mein Leben eingezogen ist.
Ja, ich hake immer noch gern To-do-Listen ab.
Aber ich kann meine To-do-Liste inzwischen auch einfach mal To-do-Liste sein lassen – und mich um mich kümmern.
Ich möchte nicht jeden Moment optimieren oder mit Dingen füllen. Ich bin lediglich präsenter geworden. Und das tut mir gut.
Und vielleicht ist das der Punkt, an dem ich das erste Mal wirklich ausatme:
Ich muss nicht alles „richtig“ machen. Ich muss nicht alles schaffen.
Ich darf da sein. Jetzt. Mitten im Alltag.
Wenn ich bei den Kindern bin, dann bin ich meist auch wirklich bei den Kindern – ohne Handy. Ich verbringe bewusst Zeit mit ihnen. Ich sehe das Leben durch ihre Augen. Und plötzlich wirkt die Welt wieder zauberhaft und aufregend.
Das ist wichtig.
Ich wähle jeden Tag aufs Neue Präsenz.
Dafür ist es mir wert, hier zu sein.
Und in den wenigsten Fällen sind es die großen Momente. Meist sind es die kleinen, alltäglichen: die, die wir jeden Tag aufs Neue erleben dürfen.
Wofür ich hier bin
Ich habe lange nach dem Sinn meines Lebens gesucht. Und irgendwie haben mir die Diagnosen eine Abkürzung dahin gegeben.
Ewig auf der Suche habe ich nämlich nicht gesehen, dass der Sinn meines Lebens die ganze Zeit vor meiner Nase war.
An erster Stelle steht für mich, meine Kinder zu begleiten – ein Leben lang.
Vor allem mit Präsenz und Liebe, nicht mit einer gemeinsamen Unendlichkeit.
Liebe bedeutet nicht, dass man immer da sein kann. Aber sie basiert auf einer Verbindung, die etwas in sich trägt, das größer ist als Zeit.
An zweiter Stelle steht Verbindung – und ganz vorne dabei die Beziehung zu meinem Mann. Andere Menschen geben meinem Leben Sinn: Austausch, Inspiration, gemeinsame Zeit, schöne Momente.
Und zuletzt ist da dieses leise Wirksamsein.
In der Arbeit, wenn ich etwas tun darf, das ich als sinnstiftend empfinde. Und auch hier, in diesem Blog: Leben einzuhauchen. Und vielleicht ein paar von euch auf eurem Weg zu begleiten – oder ihr mich auf meinem.
Das Leben ist nicht perfekt. Und das muss es auch nicht sein. Es darf Momente der Ruhe und Einkehr geben. Es kommen herausfordernde Zeiten. Und danach auch immer wieder gute Zeiten.
Ich möchte ehrlich und aus vollem Herzen innerhalb meiner Grenzen leben.
Und der Tod?
Der Tod ist etwas, woran ich öfter denke, seit ich Kinder habe. Man möchte diese wertvollen kleinen Wunder nicht allein lassen. Und ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, damit das nicht passiert.
Mehr kann ich dann aber nicht machen – denn manches liegt nicht in meiner Hand.
Der Tod hat lange eine gewisse Panik und unendliche Traurigkeit in mir ausgelöst. Seit ich mich ein wenig mit dem Thema auseinandergesetzt habe, habe ich etwas gelernt:
Endlichkeit macht mich manchmal panisch – und gleichzeitig bringt sie mich zurück zu dem, was zählt: Weichheit, Verbindung, Präsenz.
Ich kann keine Unendlichkeit versprechen, aber ich kann Liebe hinterlassen und heute da sein.
Meine Liebe prägt meine Kinder – ich hoffe auf die positivste Art. Und das werden sie ihr ganzes Leben mit sich tragen. Und das gibt mir Frieden.
Mein Job ist es nicht, eine gemeinsame Unendlichkeit zu versprechen.
Mein Job ist es, das Leben zu leben, solange ich hier bin.
Und das tue ich.
Wenn du dich zwischendurch selbst verlierst: Hier sind Texte, die dich leise zurück zu dir begleiten – Schritt für Schritt, ohne Zielgerade.




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