Als ich dachte, Freundschaft müsste anders sein
Es gibt viele Arten von Freundschaft.
Menschen, die uns schon viele Jahre begleiten. Menschen, die erst später in unser Leben treten. Menschen, die längst wieder gegangen sind. Und Menschen, die nur für einen kurzen Abschnitt bleiben.
Ich habe lange geglaubt, dass es eine bestimmte Form von Freundschaft geben muss. Dass ich sie nur noch nicht gefunden habe.
Wie viele andere hatte ich früher oft das Gefühl, vielleicht zu viel zu sein. Nicht richtig. Nicht wichtig genug, um auch einmal an erster Stelle zu stehen. Ich habe beobachtet, wie leicht es für andere schien, diese eine beste Freundin zu haben, und mich gefragt, warum mir das nicht passiert.
Gleichzeitig ist es mir lange schwergefallen, mich wirklich zu öffnen. Aus Angst, verletzt zu werden.
Ich hatte oft das Gefühl, mit meinen Emotionen zu viel zu sein. Ich habe in meiner Kindheit nicht gelernt, gut mit meinen Gefühlen umzugehen. Und ich merke auch heute als Mutter, dass mich das manchmal noch herausfordert.
Meine Emotionen einzuordnen, sie zu verstehen und in einen größeren Zusammenhang zu setzen, musste ich erst lernen. Davor war ich oft schnell verletzt. Vielleicht auch, weil ich vieles sehr auf mich bezogen habe. Und anstatt in die Klärung zu gehen, habe ich mich zurückgezogen. Aus Selbstschutz. Aus Unsicherheit.
Vielleicht war ich nie zu viel. Vielleicht war ich nur nicht am richtigen Ort mit dem, was ich gegeben habe.
Meine erste „beste Freundin“ hatte ich erst mit Ende zwanzig. Und sie war besonders, weil ich mich zum ersten Mal wirklich getraut habe, mich zu zeigen.
Diese Freundschaft hatte viele schöne Momente. Aber auch ihre schwierigen.
Wenn Verbindungen leiser werden
Denn manchmal gehen Freundschaften nicht wirklich zu Ende. Sie werden einfach leiser.
Nicht mit einem Streit. Nicht mit einem klaren „Das war’s jetzt“. Sondern dadurch, dass sich Wege verändern. Dass man sich voneinander entfernt. Dass das Leben in unterschiedliche Richtungen weitergeht.
Ich habe lange gebraucht, um damit Frieden zu schließen. Dieses langsame Auseinanderdriften konnte ich nur schwer ertragen. Und noch schwerer akzeptieren.
Ich glaube, ich habe damals nicht nur die Freundschaft verloren, sondern auch ein Stück von der Vorstellung, wie Freundschaft sein sollte.
Das Verständnis dafür, dass sich Freundschaften verändern, ist bei mir nicht durch einen einzelnen Moment gekommen. Es waren viele kleine Erfahrungen. Und nicht zuletzt auch die Auseinandersetzung mit meinen eigenen Erwartungen an mich selbst und an die Menschen um mich herum.
Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mir damit nichts Gutes tue.
Vielleicht wurde es leichter, als ich aufgehört habe, jede Veränderung als Verlust zu lesen.
Heute sehe ich Veränderung vielmehr als Bereicherung. Nicht nur meine eigene, sondern auch die der Menschen, die mich begleiten. Weil jede Entwicklung auch ein Fenster sein kann. Oder eine Tür zu einer Welt, die ich sonst vielleicht nie betreten hätte.
Und auch die Aufarbeitung meiner eigenen Prägungen hat mich verständnisvoller mit anderen Menschen werden lassen. Milde ist nicht von heute auf morgen gekommen. Aber sie ist gewachsen.
Was sich in meinem Blick auf Freundschaft verändert hat
Heute sehe ich Freundschaft anders.
Mich trägt inzwischen der Gedanke, dass Menschen in unser Leben kommen, um uns ein Stück zu begleiten. Manche bleiben lange. Manche nur kurz. Und manche kommen später sogar noch einmal zurück.
Für mich fühlt sich das ein wenig an wie eine Zugreise. Menschen steigen ein, fahren ein paar Stationen mit und steigen irgendwann wieder aus.
Als ich diese Metapher zum ersten Mal gehört habe, hat sie mich traurig gemacht. Ich war damals noch nicht bereit, sie wirklich anzunehmen. Heute ist das anders. Heute empfinde ich vor allem Dankbarkeit. Für die gemeinsame Zeit. Für das, was war. Für das, was geblieben ist.
Und ich empfinde mich als sehr glücklich, so viele wertvolle Verbindungen in meinem Leben zu haben.
Ich glaube auch, dass all die Dinge, die ich noch lernen darf, weiter etwas in Bewegung bringen werden. Freundschaften werden sich verändern. Neue Freundschaften werden dazukommen. Und vielleicht wird auch irgendwann noch jemand aus meinem Abteil aussteigen, von dem ich es mir nicht wünsche.
Auch das macht mich traurig, wenn ich daran denke.
Und trotzdem ist da vor allem Dankbarkeit für die gelebte gemeinsame Zeit.
Freundschaft fühlt sich für mich heute anders an
Vielleicht liegt das auch daran, dass sich mein Blick auf mein Leben verändert hat. Durch meine eigenen Themen, durch meine Diagnosen, habe ich gelernt, anders mit meiner Energie umzugehen.
Seit mein Alltag stärker von begrenzter Kraft geprägt ist, hat sich auch mein Blick auf Nähe verändert.
Manchmal kostet mich Nähe viel Energie. Manchmal gibt sie mir Energie. Beides ist in Ordnung.
Heute muss ich mit meiner Kraft bewusster planen. Ich muss abwägen. Manchmal auch absagen, wenn mein Energiehaushalt für den Tag nicht mehr ausreicht. Aber ich empfinde das nicht als Verlust.
Im Gegenteil: Ich nehme Zeit mit lieben Menschen heute anders wahr. Ich genieße sie bewusster. Und ich weiß viel mehr, wie wertvoll sie ist.
In vielen Fällen sind die Menschen in meinem Leben auch Inspiration. Sie stoßen Gedanken an, öffnen neue Räume und nähren etwas, das mir sehr wichtig ist: meine Leidenschaft für das Schreiben.
Früher habe ich versucht, für alle da zu sein. Heute wähle ich bewusster. Nicht, weil mir Menschen egal sind, sondern weil ich gelernt habe, dass meine Energie begrenzt ist.
Und mit dieser Veränderung hat sich auch mein Blick auf Freundschaften gewandelt.
Manche begleiten mich heute nicht mehr aktiv. Man hört sich vielleicht noch zu Geburtstagen, und dann ist es immer schön. Andere Verbindungen sind ganz still geworden. Auch das darf sein. Wir alle haben unser eigenes Leben, unsere eigenen Prioritäten. Und wir entscheiden jeden Tag neu, wofür wir unsere Zeit und Energie einsetzen.
Ich habe außerdem gelernt, dass unausgesprochene Erwartungen leise Druck erzeugen können. Oft wünschen wir uns, gesehen zu werden, ohne es auszusprechen. Wir hoffen, dass jemand versteht, was wir brauchen, ohne dass wir es sagen müssen.
Aber so funktionieren Beziehungen nicht.
Heute spreche ich mehr aus. Oder ich lasse bewusst los. Beides fühlt sich ehrlicher an.
Was bleibt, wenn sich Wege trennen
Freundschaft bedeutet für mich inzwischen nicht mehr „die eine Person“. Eher ein Netzwerk aus Verbindungen, die auf unterschiedliche Weise tragen.
Da ist die Freundin, die mich kennt, seit wir Kinder waren. Die mich aus einer Zeit kennt, in der wir einfach wir selbst waren, noch bevor alles dazukam, was später kam.
Da ist die Freundin aus einer Lebensphase, die ich nicht noch einmal erleben möchte und die ich trotzdem nie missen würde. Weil sie geblieben ist.
Da ist eine Verbindung, die sich vom ersten Moment an vertraut angefühlt hat. Wie eine Seelenverwandtschaft.
Da sind Menschen, bei denen Zeit keine Rolle spielt. Bei denen es sich immer gleich anfühlt, wenn wir uns sehen, egal, wie lange es her ist.
Und da ist diese besondere, neue Verbindung in meinem Leben: meine Podcast-Co-Hostin.
Eine Freundschaft, die sich erstaunlich schnell vertraut angefühlt hat. Leicht. Offen. Tragend.
Sie ist für mich eine echte Bereicherung. Eine wunderbare Sparringspartnerin für Gedanken und Ideen.
Mit ihr traue ich mich, immer wieder ein Stück weiter aus meiner Komfortzone. Auch das ist für mich eine Form von Freundschaft: wenn Verbindung nicht nur Halt gibt, sondern auch neue Räume öffnet.
Und dann gibt es noch all die anderen: Bekannte, Wegbegleiter, Familie. Menschen, mit denen man immer wieder schöne Momente teilt, auch wenn sie nicht dauerhaft an unserer Seite sind.
Freundschaften dürfen sich verändern. Sie dürfen Pausen haben. Sie sind selten zu jedem Zeitpunkt vollkommen ausgeglichen. Und doch glaube ich, dass sie sich im Großen und Ganzen die Waage halten.
Sie müssen nicht immer gleich intensiv sein, um echt zu sein. Manche wachsen langsam. Manche sind sofort da. Beides ist wertvoll.
Nicht jede wichtige Verbindung bleibt für immer. Auch wenn ich mir das bei manchen wirklich wünschen würde.
Aber ich glaube daran, dass jede Verbindung etwas in uns hinterlässt.
Ja, manchmal tut es weh, wenn Menschen aus unserem Zug aussteigen. Es gibt viele Arten, jemanden zu verlieren. Und viele davon sind schmerzhaft.
Aber Schmerz bedeutet auch, dass etwas Bedeutung hatte. Dass es wertvoll war.
Und ich habe für mich entschieden, genau das zu sehen. Nicht nur das, was gegangen ist, sondern auch das, was geblieben ist.
Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, wer bleibt.
Sondern darum, was bleibt.
Und falls du dich mit dem Thema Freundschaft gerade selbst beschäftigst: In unserer aktuellen Podcastfolge sprechen darüber, wie unterschiedlich sich Freundschaften anfühlen können – je nach Lebensphase, Erfahrungen und inneren Themen. Es geht um Erwartungen, um Enttäuschungen. Um das Gefühl, zu viel zu sein. Oder nicht wichtig genug. Und auch darum, dass nicht jede Verbindung für immer gedacht ist.
Vielleicht magst du ja reinhören.
Wenn du spürst, dass Krankheit etwas in Beziehungen verschiebt: Hier sind Texte über Nähe, Missverständnisse und Verbindung – auch im Unperfekten.
Wenn du magst, begleite ich dich auch zwischen den Texten.




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